Warum gibt es diesen Blog?
Darauf gibt es ein paar Antworten: seit Oktober 2008 führe ich meinen Blog „My New Life In Canada“. Nachdem ich da hin und wieder Einträge über mein Leben in Paraguay eingestellt habe, bekam ich viele Mails, Kommentare und Telefonate mit der Bitte, weitere Beiträge über diese Zeit zu schreiben.
Obwohl es genauso mit meinem Leben zu hat, passt es aber nicht unbedingt zwischen die Berichte von meiner neuen und jetzigen Zeit in Kanada.
Dazu kommt, dass aus dieser schicksalhaften Zeit der Einwanderer in Paraguay von Anfang 1900, sehr wenig niedergeschrieben wurde. Die Älteren, die es miterlebt haben, sind leider schon verstorben.
Doch mein wichtigster Beweggrund für diesen Blog ist, das Erlebte von damals an meine Kinder und Enkel weiterzugeben. Sollten sie irgendwann wissen wollen, wie es damals war, müssen sie sich keine Vorwürfe machen, den Zeitpunkt danach zu fragen, verpasst zu haben.
Genau das ist mir passiert. Als ich jung war, interessierte es mich nicht. Ich fand die Geschichten aus der alten Heimat und die des neuen Aufbaus in Südamerika langweilig und nervig.
Ich war Kind und wollte Kind sein. Als ich erwachsen wurde, hatte ich meine eigenen Träume und Verrücktheiten im Kopf. Dann hatte ich mein eigenes Leben und meine eigene Familie.
Später wollte ich es wissen, doch die Großeltern waren längst verstorben, mein Vater auch und meine Mutter war von mir zu weit entfernt.
Bestimmt habe ich im Leben viele Fehler gemacht. Anstatt darüber zu jammern, betrachte ich es als eine Lehre und versuche, es in Zukunft besser zu machen.
Doch würde mir das Schicksal einen einzigen Tag meiner Jugend zurückgeben, würde ich ihn mit meinem Großvater „Opa Dreyer“ verbringen und ihm pausenlos Löcher in den Bauch fragen!
Diesen Blog widme ich meinen Kindern
Sonja A. McGill und Stephen J. Bennett.
„Ein niedergeschriebenes Wort, wird durch seine Veröffentlichung zu einem eigenen Leben erweckt“.
Mittwoch, 6. April 2011
Der (aber)Glaube
Dienstag, 29. März 2011
Schwestern
Freitag, 4. März 2011
Eine ganz besondere Frau
Doch jetzt möchte ich Euch erst mit der Bildergalerie bekannt machen.
Mit dieser Lancha (Boot) sind sie von Argentinien nach Paraguay auf den Paraná hochgeschippert. Der Mann mit dem weißen Hemd ist der Opa Emil. Oma Frieda sitzt im Boot. Die Kinder dem Alter nach; Sofía mit den Blumen. Emilio ganz rechts. Alex, der blonde zwischen den Eltern und die kleine Blonde neben ihre Mama, ist unsere Mama.
Die vier Erstgeborenen, schön herausgeputzt mit Schuhe, Strümpfe und Blümchen.
Es waren einst acht Geschwister. Hier sind die Mädchen abgelichtet. Sitzend, Sofía. In der Mitte unsere Mutter. Links die Erika und rechts die Klara.
Unsere Mutter ist schon im Jahre 1992 verstorben. Was ist aus den anderen drei feschen Mädels geworden? Sie sind immer noch fesch und erfreuen sich bester Laune!
Im zarten Adolezenzalter, feierten Sofía und Arwed Böttger ihre Verlobung. Tante Sofía hat mir mal erzählt. „der Kerl ist mir immer nachgestiegen und hat mir den Hof gemacht, dabei mochte ich ihn überhaupt nicht leiden mit seiner vorgeschobenen Karre (sie meinte damit sein Kinn), aber dann habe ich mich doch verliebt.“
Wenn erst verlobt, wurde meist auch bald geheiratet, sowas wie erst mal ein paar Jahre testen, gab’s damals nicht!
Ein Familienhochzeitsfoto. Dabei sind die Großeltern und Eltern, sowie die bis da dagewesenen Geschwister.
Und ein Hochzeitsgruppenfoto!
Tante Sofía als junge Frau. Nicht wegen einer Ähnlichkeit, für mich war sie immer so eine Mischung zwischen Jacky Onassis und Sofía Loren.
Die junge Familie bei uns zu Besuch. Tochter Carmen und Sohn Hugo auf den Koffern. Die Erwachsenen von links nach rechts; O. Arwed, T. Sofía, unsere Mutter schwanger mit Norberto. Oma, Opa und Papa Dreyer. Mit dem Pferd ca. 5Km zum Bus. Hauptsache es mussten keine Koffer geschleppt werden.
Zu einem späteren Zeitpunkt wiedermal zu Besuch und mit den zwei Jüngsten. Auf mein Schaukelpferd der Raúl und rechts auf dem Holzbock der zweitjüngste; Rubén. Wir vier Kinder sind hier schon komplett. Tante Liesel und Käte sind auch dabei.
Die Ära der Farbfotos bricht ein! Neben der Schneiderei, konnte Tante Sofía auch gute und schöne Hochzeitstorten backen. Hier entsteht mit Hilfe meiner Cousine unsere Hochzeitstorte am 27.12.1975.
Fünfzig Jahre Ehe und es gibt es auch eine Torte! Goldene Hochzeit von Sofía und Arwed. Beim Anschneiden der Torte mit Tochter Carmen.
Nicht lange nach der goldenen Hochzeit, wurde Onkel Arwed sehr krank. Ich kann mich erinnern, ich war zu der Zeit kurz in Paraguay und auch dort zu Besuch. Er wurde nach Posadas Argentinien gebracht. Als ich ihn besuchte, lag er reg- und- wortlos im Krankenbett und hatte ein weißes, zum Band zusammengelegtes Tuch vom Kinn zum Kopf hoch gebunden (als hätte er Zahnschmerzen). Ich fragte; „Tante, warum hat man ihm das Gesicht so umbunden?“ Da sagte sie; „das war die Krankenschwester, weil der Arzt meint er wird die Nacht sterben und dann soll sein Mund nicht so offen stehen bleiben.“ …aha… man/ich lern doch nie aus. Das Tuch musste wieder ab, er lebte weiter. Er durfte wieder Nachhause, am Anfang ging es noch mit dem Rollstuhl, doch bald lag er nur noch im Bett. Elf Jahre und drei Monate war er ein Pflegefall und Tante Sofía hat ihn Tag und Nacht gepflegt. Sie konnte manchmal keine halbe Stunde durchschlafen, weil er wieder rief. Sie hat es sich auch nicht nehmen lassen, selbst Angebote von ihren vier Kinder, hat sie nur im äußersten Fall angenommen und das auch nur ein paar Stunden.
Wie eine Wildkatze kann sie manchmal auch ihre Krallen zeigen, ganz ohne Hemmungen den einen oder anderen beim Vornamen nennen!Donnerstag, 24. Februar 2011
Der Tod
Eigentlich ist das keine „damals“ Geschichte, der Tod ist immer gegenwärtig und wird nie aussterben.
Schon im jüngsten Kindesalter hat mir mein Vater viel über den Tod beigebracht. Vor allem, dass es das natürlichste der Welt ist und jeder mit seiner Geburt seinem eigenen Todesurteil unterschreibt. Auch über meinen eigenen Tod, habe ich schon sehr viel drüber nachgedacht. Nein, bitte keine falschen Schlüsse ziehen, so meine ich es nicht. Was ich damit sagen will, ich habe keine Angst davor. Zugegeben, bis zu diesem Zeitpunkt. Vielleicht ändert sich das, wenn ich mal ernstlich krank bin, ich weiß es nicht. Doch ich kann mir vorstellen, dass es schön sein muss, nach einem gelebten Leben in einer ewigen Ruhe einzudringen.
Allerdings musste ich mit den Jahren an Lebenserfahrung gewinnend erkennen, dass er leider nicht immer so ganz natürlich ist und den Einen oder Anderen viel zu früh aus dem Leben reißt.
Ich sah erst drei tote Menschen in meinem Leben, doch ist es ein Himmel großer Unterschied, im welchem Alter sie gegangen sind. Da hilft die lehrreiche Unterstützung von meinem Vater auch nicht. Ich gebe mich ja ab mit dem Tod und akzeptiere ihn. Manchmal sogar ein wenig zu sehr gefühlsunbeteiligt, weil es so ist und ich es nicht ändern kann. So war der Anblick meines toten Opas, zwar traurig und schmerzlich aber auch eine Selbstverständlichkeit. Er war alt, aus, basta. Doch die anderen zwei, von mir gesehenen Toten, waren einfach nur unnötig und grausam, erst Recht für die Hinterbliebenen. Es waren keine Verwandte, es war ein Kind als ich selbst noch Kind war und einen Jugendlichen, doch mein Unterbewusstsein ließ diesen Anblick nie los, es brachte (bringt) ihn immer wieder als grausamer Stoff meiner Träume.
Reicht das um sich zufrieden zu geben? Um den Schmerz besser zu verkraften? Wenn es mir schon so sehr nahe geht, wie müssen sich erst dessen Angehörigen fühlen? Ist es deshalb ein Trost, eine Grabstätte des geliebten Menschen zu haben? Was mich betrifft, ist es mit meinen Kindern besprochen, dass ich einmal eingeäschert werde und dass kein Grab existieren soll. Was mit der Asche geschieht, ist mir eigentlich ziemlich egal, einfach in der Natur… kein Stein, kein Kreuz, keine Gedenktafel… ich brauch es nicht und will auch Niemanden über meinen Tod hinaus verpflichten mein Grab zu pflegen. Angehörige und Freunde, die mich mochten, können mich jederzeit besuchen oder an mich denken, denn in deren Herzen werde ich doch hoffentlich immer bleiben dürfen.
Hee, ich weiche schon wieder ab. Ist ja die Zukunft und nicht „Damals…“ trotzdem, hab‘s nun mal gesagt/geschrieben.Warum schreibe ich eigentlich darüber? Das haben die „Löcher“ auf den Fotos herbeigerufen. Wenn ich ein Foto von früher betrachte, entdecke ich immer öfter die sogenannten „Löcher“. So nenne ich die Menschen auf den Fotos, die gar nicht mehr da sind, die schon längst verstorben sind. Es werden immer mehr… auch sowas, ist einem früher nie aufgefallen. Ein Friedhof war eher ein Park oder so...
Wie war das nun „Damals in Paraguay“ wenn jemand verstorben ist? Daran hat sich eigentlich nicht viel verändert. Vielleicht ein wenig Infrastruktur, aber der Ablauf selbst nicht. Das erste war; die Nachbarn avisieren (wir, die Deutschen in Paraguay, hatten die Angewohnheit, aus spanische verbos, deutsche „Tun Wörter“ zu basteln. Man nahm das spanische Grundverb, amputierte seine Endung ar, er, ir und setzte ein „ia, ian, ieren, iert“, dran und schon war es Deutsch! Z.B. avis(ar)ian = benachrichtigen.
Ein Beispiel: „Met(er)ia (=einmischen) Dich nicht, in was Dich nicht import(ar)iert (=angehen)“ der ganze (für uns) deutsche Satz: „metia dich nich in was dich nich importiert“. Eine eigene Sprache, die nur die verstehen, die Spanisch und Deutsch können, und vor allem Phantasie haben!
Also weiter wie es damals war. Die Nachbarn wurden benachrichtigt. Die wiederum benachrichtigten ihre Nachbarn und so wurde die gesamte Kolonie innerhalb ein paar Stunden über den Tod informiert. Meist zu Pferd um die Entfernungen schneller zu schaffen. Verwandte die an einem weiteren Ort, Stad oder Land lebten, bekamen ein Telegramm.
Der/die Verstorbene wurde im Hause aufgebahrt. Meistens wurde eine Tür dafür ausgehängt, die man auf zwei Böcke legte und provisorisch zur Aufbahrung der des Leichnams diente. Ein weises Leinentuch, alles was der Garten an weiße Blumen hergab (meistens Jasmin, er duftete sehr intensiv und übertönte so den unangenehmen Geruch), ein paar Kerzen, wer eines besaß, hängte ein Kruzifix an der Wand. Hingegen wurden alle bunten Bilder, Kissen oder sonstiges Fröhliches aus der Stube gebracht. Zu der Zeit gab es eh wenig „bunter Luxus“.
Inzwischen sind auch die ersten Trauergäste eingetrudelt um nicht nur Ihre Anteilnahm sondern auch zum helfen oder zumindest ihre Hilfe anzubieten. Der Leichnam musste klimabedingt innerhalb von 24 Stunden unter der Erde sein. Bei schlechtem Wetter war das eine Schinderei, alleine zum Friedhof zu kommen.
Ist ein älterer und kranker Mensch verstorben, kam der Sarg vom Schreiner ein wenig zeitiger, eine gewisse Vorarbeit mit Abnahmegarantie war ja auch schon irgendwie voraus zu sehen… ein wenig so wie im alten Western. Niemand verfügte über so viel und genaue „Menschengröße-schätz-Begabung“ wie ein Sargmacher.
Der Ochsenkarren wurde mit Palmen Blätter geschmückt. Später war es der Traktoranhänger. Hatte man selbst keinen, so war es eine Selbstverständlichkeit, dass der nächste Besitzer einsprang. Nicht nur die Angehörigen stiegen hinten drauf, auch wurden unterwegs, mit Blümchen in der Hand auf der Straße wartende Trauergäste, aufgeladen und mitgenommen.
Soweit ich mich zurück erinnern kann, war es immer der Siegmund Risst, der die Gräber aushob. Ich nehme mir das Recht heraus, an dieser Stelle, einen Menschen beim Namen zu nennen. Siegmund war ein Mann, den man nicht unbedingt als einen Glückspilz bezeichnen kann. Seine sehr bescheidene Existenz und noch bescheidener Selbstbewusstheit, führten wohl dazu, dass er ein ewiger Junggeselle blieb. Er lebte ziemlich zurückgezogen mit seiner Mutter in einer bescheidenen Behausung. Auch er bleibt ewig in meinen angenehmen Erinnerungen. Als ich Kind war, sind mein Vater und ich, hin und wieder zu den Risst geritten. Meistens ging es um einen Kuhhandel, als Bezahlung für geleistete Zahnarbeiten Seite meines Vaters. Er war ein sehr ruhiger Mensch und verhielt sich immer unauffällig und weit im Hintergrund. Ging man auf ihn zu, strahlten seine großen Augen wie ein Kind vor einem Osternest. Ich werde nie vergessen, als er zu unserer Hochzeit, mit Stolz, mir ein in Zeitungspapier eingewickeltes Geschenk überreichte. Er strahlte wieder was seine großen Klubschaugen hergaben. Eingepackt waren zwei einfache weiße Suppenteller. Von all den vielen, vielen Geschenken (Immerhin waren es ca. 750 Gäste), werde ich diese zwei Suppenteller nie vergessen. Ich habe tatsächlich geheult, als wir eine Wochen später zurück nach Deutschland flogen und aus Gewichtsgründen die Teller bei meinen Eltern zurückließen.
Siegmund machte seine Arbeit bei jedem Wetter, auch als er schon alt war und seine Mutter längst verstorben, nur einmal unterlief ihm ein Fehler. Es war als unsere Mutter dort begraben wurde. Da sie in Berlin verstorben ist, wurde sie dort eingeäschert, aber in Paraguay begraben. Siegmund konnte nicht verstehen was eine Urne (es war die Erste) ist. Trotz mehrfacher Erklärung, hat er ein Grab für einen Sarg ausgehoben. Er war auch nur ein Mensch, aber er war ein guter Mensch und die einzige Ehre die er zurückbekam; er musste nicht sein eigenes Grab schaufeln. Q.E.P.D.
Hier noch eine kleine Geschichte zum schmunzeln: Mein Opa sagte immer; ich verlange von Euch, für dem Fall, dass ich an einem natürlichen Tode sterbe, Ihr mir die Pulsadern aufschneidet. Seinen Wunsch keimte durch einen Fall… ich kann nicht mehr sagen um wem es da ging… doch er erzählt von einem Todesfall der gar keiner war. Zwar soll da auch ein Älterer, der gerne und tief ins Glas schaute, verstorben sein. (Nennen wir ihn mal „Fritz“). Als Fritz aufgebahrt auf der „Tür“ lag und seine „Freunde“ (inklusive mein Opa),ihn mit Schnaps zuprostend die letzte Ehre erwiesen, hob Fritz ganz langsam die Hand und stotterte mit leiser und hauchender Stimme; „ge-ge-gebt mir… auch ei-ei-einen“! Fritz war nur scheintot und kam gerade wieder zu sich.
Von dem Tag an, traute mein Opa dem Tod nicht mehr! Doch zur Klarheit; als er starb, schnitt niemand seine Pulsadern auf, denn er wurde vom Arzt als wirklich tot erklärt!
Das alte Familienbild vom letzten Eintrag (Weihnachten)… sind auch schon vier „Löcher“ zu erkennen, ersetzt durch vier Grabsteine. Es ist die Kette des Lebens, neue Glieder kommen hinzu, Alte bröckeln ab...
Unsere Großeltern und unsere Eltern, im Herzen anwesend! Dieser Eintrag ist ganz besonders meine Geschwister gewidmet, die nicht oder nur ganz selten die Möglichkeit haben, die Gräber unsere Eltern und Großeltern zu besuchen!
Ganz herzliche Grüße!
Freitag, 10. Dezember 2010
Weihnachten
Wer glaubt, dass ich meine weihnachtliche Kindheit mit einer geschmückten Palme verbracht habe, irrt sich. Kann sein, dass die ersten Auswanderer in Südamerika keine Wahl hatten, doch mich hat der Klapperstorch erst fünfzig Jahre später gebracht.
In diesen fünf Jahrzehnten hatte sich schon sehr viel verändert. Die Deutschen brachten oder ließen sich an Pflanzen schicken was nur ging. Man probierte alles. Es gab so viel Erfolg, denkt man nur an die Vielfalt der Reben die dort wunderbar gedeihen.
So sind wir auch zu dem Christbaum gekommen. Einen „Tannenbaum“ bei 40º im Schatten, was aber eigentlich keine echte Tanne war. Lag wohl daran, dass unser Deutsch beschränkt war und wir alle immergrünen Bäume „Tannen“ nannten. Vielleicht lag es auch am Lied; „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum…“, oder…. weil es einfach zu Weihnachten gehörte.
Opa „der Buschdoktor“ war ein guter Tischler und fertigte nicht nur unsere Möbel, er baute unserer Mutter einen Weihnachtsbaumstamm mit Ständer, konisch und mit Löchern bespickt. Sie bastelte jedes Jahr einen sehr schönen und symmetrischen Christbaum, der bis zur Decke reichte. Äste und Zweige von den „falschen Tannen“ wurden abgeschnitten und verwendet.
Ach ja, was waren das denn nun für „Tannen“? wir hatten zwei Sadebäume, so eine Art Wacholder. Hier auf dem Foto im Hintergrund steht einer. Dann hatten wir noch eine italienische Zypresse. Die mochte ich besonders gerne, sie wuchs so dünn und lang in den Himmel wie ich selbst. Als sie noch kleiner war, liebte ich es sie hin und her zu schaukeln um zu sehen wie weit sich die Spitze biegen konnte. Auch ein paar Abendländische Lebensbäume hatten wir, die für uns zum Wortschatz der Tannenkategorie gehörte.
Doch irgendwann, waren die unteren Äste für die alljährigen Weihnachtsbäume geopfert, da kam unsere Mutter auf die Idee, Äste von den stacheligen Anden Tannen zu nehmen. Unser Christbaum sah eine Wucht aus. Man konnte sich nur nicht nähern. Es gab auch nicht sowas wie Gärtnerhandschuhe und Muttern war auf jedem Piekser an Händen und Armen stolz, auch wenn sie anschließend drei Nächte lang vor Schmerzen nicht schlafen konnte.
Der falsche Tannenbaum wurde immer erst am Heiligen Abend geschmückt. Wir hatten von einer Schweizer Nachbarsfamilie schöne Kugeln erwerben können. Anderer Baumschmuck brachten unsere Eltern hin und wieder von ihrer zahnärztlichen Reisen mit. Es gab eben Patienten die ihre Zahnbehandlungen nicht mit Geld bezahlen konnten.
Das schönste allerdings, war das Silberpapier der Chocolatines zu sammeln (eine einheimische Praline die aus Zuckerguss mit Schokolade überzogen bestand). Diese Chocolatines gab es im Tante Inge‘s Laden und wir bekamen sie zu besondere Gelegenheiten. Eingewickelt in Rot, Blau, Grün, Lila oder Gelb, war es ein Höhepunkt für uns Kinder. Das Papier entfernten wir ganz vorsichtig, legten es zwischen zwei Papierblätter und glätteten es mit dem Daumennagel. Dann schnitten wir Sterne und Herzen aus Pappe und beklebten dieses mit dem glänzende Schokoladenpapier. Noch eine Schnurr dran und der Baumschmuck war fertig.
Am Heiligabend war die Aufregung riesengroß. Alles wurde sauber geschrubbt (mit oder ohne Engelchen), aufgeräumt und Staubgewischt. Früher als sonst mussten die Tiere versorgt und eingesperrt werden. Der Hof wurde gekehrt. Das Essen wurde noch vorbereitet und gegen Abend sind wir Kinder alle unter der hausgemachten Außendusche gehüpft. Saubere Wäsche angezogen, gekämmt und Schleifchen im Haar warteten wir in der Küche. Die Tür zum Wohnzimmer war zu und wir mussten warten bis die Glocke klingelte.
Wir gingen hinein und es war nicht mehr das Wohnzimmer, es war nicht mehr unser Haus, es war wie auf einen anderen Stern, wie im Märchen!
Wir mussten uns aufstellen wie die Orgelpfeifen und grade stehen. Es lag so viel knistern in der Luft, man hätte sich glatt in die Hose machen können vor Aufregung…
Auch der Weihnachtsmann kam jedes Jahr. Wie es sich später herausstellte, war es meistens der Opa, der Papa oder ein Nachbar. Er hatte zwar keinen roten Anzug an… woher sollten wir das auch wissen… nee, er hatte eine normale Jacke an, und bei der Hitze war das schon exotisch genug! Er trug aber einen langen weißen Bart und Mütze. Mit tiefer Stimme und ernstem Gesicht fragte er uns, ob wir auch schön brav waren. Im Nachhinein frage ich mich; wie kann man als Kind den Weihnachtsmann lieb haben, wenn man doch so viel Angst vor ihm hat? Dabei hatte er immer einen Sack mit Geschenken und die einschüchternde Rute, mit der in jedem Jahr unseren großen Bruder Norberto nachgerannt ist. Oh Gott, war das ein aufregender, weihnachtlicher Zirkus!
Dann war die Bescherung. Meistens was genähtes von unserer Mutter oder was gebasteltes vom Opa. Wie Puppenwagen, Schaukelpferd, Roller, usw.
Singen oder so, wurde Gott sei Dank nicht erwartet. Unsere Eltern hatten beizeiten erkannt, dass wir alle musikalisch untalentiert waren. Nur Oma und Opa haben wir öfters singen gehört. Opa und Papa spielten auch hin und wieder Flöte, ich glaube es waren Querflöten.
Schon Wochen vorher wurde gebacken und vorbereitet. Man achtete schon als Kind auf Andeutungen die evtl. das große Geheimnis der Geschenke erahnen ließen. Und natürlich durfte die ständige Ermahnung ja lieb zu sein, schon Monate vorher nicht fehlen.
Was die Geschenke angeht, da brennt mich schon lange was auf der Seele (bzw. brannte auf meiner kleinen Kinderseele) und ich muss mich im Nachhinein einfach mal ganz arg beschweren. Man soll ja über Menschen, die schon von uns gegangen sind nichts Böses sagen… doch irgendwie fühlte ich mich jedes Jahr um ein Geschenk von meinen Eltern beschissen. Sorry, aber echt! Kann ich was dafür, dass ich zwei Tage vor Heiligabend geboren wurde? Nein!
So hieß es immer; „Ella, Du bekommst nur ein Geschenk für deinen Geburtstag und Weihnachten zusammen, aber dafür was größeres.“
Hallo??? Ist es denn nicht normal für ein Kind lieber zwei Geschenke zu bekommen? Da spielt doch die Größe keine Rolle!
Ich finde, junge Ehepaare mit so einer Einstellung, die Kinderwunsch im Sinn haben, sollten über den gesamten Monat März keinen Sex betreiben. Dann wird vermieden, dass Kinder in der stressigen Weihnachtszeit zur Welt kommen und mein Schicksal teilen!
Geburtstag feiern…? Zwei Tage vor Weihnachten…? Nee, das geht doch nicht! Was hab ich mir immer eine eigene Geburtstagstorte mit Kerzchen zum ausblasen gewünscht. Ich muss zugeben, auch schon als ich erwachsen war… auch noch als ich älter wurde… ach, eigentlich tue ich das heute noch. Ich beneidete immer alle Anderen, die zum Geburtstag Kerzen ausblasen dürfen. Ich beneidete sogar die Schauspieler-Tussi aus der Yes-Törtchen-Werbung. Kennt ihr die noch? Zu ihrem Geburtstag beim campen im Zelt, es regnete und sie war traurig, da reichte ihr Freund ihr ein „Yes-Törtchen“ mit einer Kerze und sang Happy Birthday. Da sind mir immer die Tränen gekommen… komisch, dass man wegen so einem Sch… sentimental werden kann.
An drei Geschenken aus meiner jüngsten Kindeszeit, kann ich mich noch ganz genau erinnern; einmal bekam ich einen Strandball. So einer aus verschiedenen Farben in Plastik und zum aufblasen. Wow! Was habe ich mich über diese schönen knalligen Farben gefreut. Wir mussten beim Spielen so sehr aufpassen, denn wir hatten ja gar keinen Strand, nur Pflanzen und Gestrüpp mit vielen Dornen… er hielt nicht lange aber ich habe ihn so sehr geliebt.
Dann war da das Geschenk von meiner Paten Tante. Auch wenn die Patin schon lange tot ist, schäme ich mich heute noch für mein damaliges Verhalten. Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich fünf oder sechs Jahre alt wurde. Tante Liesl hat mir eine Stoffpuppe genäht mit Zöpfen aus Wolle. Ich konnte es kaum erwarten bis es soweit war, denn es wurde immer wieder über ein Geschenk gemunkelt. Als es dann endlich so weit war und sie die Puppe aus der Maleta zog, blickte ich einmal drauf und lehnte das Geschenk ab. Ich kann auch nicht sagen warum. Machte die Puppe mir angst? Fand ich sie hässlich? War ich enttäuscht? Keine Ahnung. Ich konnte sie einfach nicht anfassen und verbarg meine Hände hinterm Rücken. Alles Schimpfen meiner Mutter half nichts. Ich habe sie nie angefasst und fühlte mich so schlecht und schuldig darüber. Ich schämte mich noch Jahre später vor Tante Liesl. Ich sehe die Puppe heute noch vor mir und weiss genau wie sie aussah, doch ich weiss immer noch nicht warum ich sie absolut nicht mochte.
Das dritte Geburtstagsweihnachtsgeschenk ist auf das Foto in diesem Post zu sehen. (Leider habe ich keine alten Weihnachtsfotos. Hier ist die Familie mit Oma und Opa Dreyer.) Ich liebte es und soweit ich mich erinnern kann, war es mein schönstes Geschenk aus der damaligen Zeit. Ich redete mir sogar ein, ab sofort nicht mehr wachsen, um es ewig zu behalten.
Es ging wiedermal zum Jahresende und Geschenkzeit zu. Es war kurz vor meinem sechsten Geburtstag. Ich durfte mit meiner Mutter nach Villarrica, in die nächste Kleinstadt fahren. Oh je, war ich aufgeregt! Ich hüpfte und jauchzte in die Gegend herum und fragte meine Eltern ob ich dann auch mit dem Villarrica seine Kinder spielen darf. Ich konnte mich unter eine Stadt nichts vorstellen… dachte es wäre eine Familie.
Meine Mutter nahm mich mit, weil sie in dem Sinn hatte, mir ein Kleid zum Geburtstag/Weihnachten zu kaufen. Das ging so ab: In die Stadt, im Laden angekommen und ich sehe es heute noch als wäre es gestern, ganz rechts über den Regalen und oben an der Wand hing das Kleid! Nicht irgendein Kleid… mein Traumkleid! Kein Hausmarkenkleid, ein Echtes aus dem Geschäft! Lachsrosa mit Teddybären drauf gestickt und an den Ärmel und Halsausschnitt mit karierten Stoff eingefasst! Ein Blick reichte, schon zog mich meine Mutter weg, nahm ihr Kopftuch und band mir die Augen zu. Es dauerte eine Weile bis die Verkäuferin das gute Stück runter hievte. Währenddessen kam ich mir vor wie eine blinde Kuh! Mein altes Kleid wurde ausgezogen und das Neue (Unsichtbare) anprobiert. Was für eine Folter! Es gab nicht einmal ein kleines Eckchen Licht unter Mutters Tuch… ich konnte wirklich nichts sehen. Das ganze wieder retour und ich wusste nicht; iss es meins oder nicht?
Nach ein paar weitere Erledigungen meiner Mutter, sind wir zurück zu den Höhns um auf den Bus zu warten. Anita Höhn und ihr Mann betrieben sowas wie eine Pension und kleiner Laden. Es nannte sich aber „Hotel“. Wir befanden uns auf der Veranda. Einige weitere Fahrgäste warteten gemeinsam auf den Bus, der am Mittag wieder nach Independencia und zwei weitere Kolonien fuhr. Es waren fast nur Frauen die da rum Hockten und ihren mit Einkauf bepackten Maletas (aus Stoff genähte Sattel/Einkaufstaschen) lagen neben den Stühlen. Ich war das einzige Kind und die gesamten Erlebnisse des Tages erzeugten eine überaktive und ungebremste Hopserei in mir. Ich rannte immer zu um den Tisch, der in der Mitte stand bis es plötzlich in eine der fremden Maletas krachte… oh weia! Ich bin aus Versehen auf so eine Stofftasche getreten. Die Besitzerin schaute sofort nach und ihr Kopf lief rot an! Es war der Kopf einer Puppe die sie als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Der Bus sollte gleich kommen und nochmal vor Weihnachten in der Stadt zu fahren war einfach ausgeschlossen. Ich schämte mich so sehr. Meine Mutter meinte noch, sie soll doch versuchen den Kopf wieder zu kleben, aber die Frau zeigte ihr den kaputten Kopf und es war wirklich zwecklos. Meine Mutter hatte auch nicht die Möglichkeit den Schaden irgendwie zu ersetzen, glaube ich zumal, denn die Frau war ziemlich stinkig. Ich habe diesen Vorfall nie vergessen und ich wünsche mir, ich hätte später erfahren wer die Geschädigte war, um es irgendwie gut zu machen.
Kann es sein, dass ich deshalb keine Begeisterung für Puppensammlungen empfinden kann?
Die darauf folgenden Wochen bis zur Bescherung bekam ich immer und immer wieder zu hören; sei schön lieb sonst bringt dir der Weihnachtsmann nicht das schöne Kleid!
Ich bekam es und war das glücklichste Kind! Es hatte sich gelohnt auf ein Geschenk zu verzichten. Später musste meine Mutter zweimal den Saum raus lassen. Immer wenn ich das Kleid anziehen durfte, stellte ich mir vor, etwas ganz was Besonderes zu sein.
Am Weihnachtstag haben wir meistens einen Ausflug gemacht. Es wurde einen Pick-Nick eingepackt und es ging meistens zum Fluss oder in den Bergen wo auch ein Wasserfall ein schönes Ziel war.
Bevor wir einen Traktor hatten, mussten die Ochsen vorm Karren gespannt werden. Auch zu Pferd wurde oft so ein Weg bewältigt.
So ein Ausflug war einfach ein Erlebnis und wir Kinder hatten so viel Spaß! Manchmal überraschte uns ein Regen, dann hielten wir an und krochen alle unter den Ponchos und wurden trotzdem nass. Das machte uns aber nichts, es war ja eh warm und so ein Regen zog schnell vorbei und die Sonne lachte wieder mit uns.
An ein Boot oder Kanu kann ich mich nicht erinnern. hier sind unser eltern und der älteste Bruder auf'n Fluss.
Ein paar Jahre später, als wir in der Stadt zogen, wurde mir klar, dass nicht alle Menschen einen Weihnachtsbaum haben. Ursprünglich in Independencia hatten wir Kinder keinen persönlichen Kontakt zu einheimischen Haushältern. Doch hier in der Stadt, waren unsere Nachbarn nicht mehr Deutsche, sondern Paraguayer. Ein anderer Lebensstiehl wurde gefordert. Auch zur Weihnachtszeit zeigte sich der Unterschied. Die Paraguayer bauen eine Krippe. Meistens am Eingang des Hauses, oder direkt davor, in voller Menschengröße! Es werden grüne Äste in Form einer Grotte zusammen gesteckt und gebunden, mit Palmenblätter, Blumen und vor allem Palmenblüten dekoriert. Aus Holz, Ton, Stein, Stoff oder Plastik die Figuren und immer ein schönes kleines und geweihtes Jesuskindchen in der Krippe. Viele Kerzen brennen und davor liegen frisches Obst, Gemüse und viele Früchte als Gaben.
Um die Weihnachtszeit zieht man in Grüppchen von Haus zu Haus um den „Pesebre“ zu bewundern. Es wird kurz gebetet, vielleicht auch Mate-Tee getrunken, dabei Chipas (Maniokmehlbrötchen) und ein Stück Sopa (Maiskuchen) gegessen.
Einen Pesebre zu besuchen, ist für seinen Besitzer eine große Ehre.
ich wünsche Euch allen eine schöne Adventzeit!
Herzliche Grüße!

