Warum gibt es diesen Blog?

Darauf gibt es ein paar Antworten: seit Oktober 2008 führe ich meinen Blog „My New Life In Canada“. Nachdem ich da hin und wieder Einträge über mein Leben in Paraguay eingestellt habe, bekam ich viele Mails, Kommentare und Telefonate mit der Bitte, weitere Beiträge über diese Zeit zu schreiben.

Obwohl es genauso mit meinem Leben zu hat, passt es aber nicht unbedingt zwischen die Berichte von meiner neuen und jetzigen Zeit in Kanada.

Dazu kommt, dass aus dieser schicksalhaften Zeit der Einwanderer in Paraguay von Anfang 1900, sehr wenig niedergeschrieben wurde. Die Älteren, die es miterlebt haben, sind leider schon verstorben.

Doch mein wichtigster Beweggrund für diesen Blog ist, das Erlebte von damals an meine Kinder und Enkel weiterzugeben. Sollten sie irgendwann wissen wollen, wie es damals war, müssen sie sich keine Vorwürfe machen, den Zeitpunkt danach zu fragen, verpasst zu haben.

Genau das ist mir passiert. Als ich jung war, interessierte es mich nicht. Ich fand die Geschichten aus der alten Heimat und die des neuen Aufbaus in Südamerika langweilig und nervig.

Ich war Kind und wollte Kind sein. Als ich erwachsen wurde, hatte ich meine eigenen Träume und Verrücktheiten im Kopf. Dann hatte ich mein eigenes Leben und meine eigene Familie.

Später wollte ich es wissen, doch die Großeltern waren längst verstorben, mein Vater auch und meine Mutter war von mir zu weit entfernt.

Bestimmt habe ich im Leben viele Fehler gemacht. Anstatt darüber zu jammern, betrachte ich es als eine Lehre und versuche, es in Zukunft besser zu machen.

Doch würde mir das Schicksal einen einzigen Tag meiner Jugend zurückgeben, würde ich ihn mit meinem Großvater „Opa Dreyer“ verbringen und ihm pausenlos Löcher in den Bauch fragen!

Diesen Blog widme ich meinen Kindern

Sonja A. McGill und Stephen J. Bennett.


„Ein niedergeschriebenes Wort, wird durch seine Veröffentlichung zu einem eigenen Leben erweckt“.

Freitag, 10. Dezember 2010

Weihnachten

Wer glaubt, dass ich meine weihnachtliche Kindheit mit einer geschmückten Palme verbracht habe, irrt sich. Kann sein, dass die ersten Auswanderer in Südamerika keine Wahl hatten, doch mich hat der Klapperstorch erst fünfzig Jahre später gebracht.

In diesen fünf Jahrzehnten hatte sich schon sehr viel verändert. Die Deutschen brachten oder ließen sich an Pflanzen schicken was nur ging. Man probierte alles. Es gab so viel Erfolg, denkt man nur an die Vielfalt der Reben die dort wunderbar gedeihen.

So sind wir auch zu dem Christbaum gekommen. Einen „Tannenbaum“ bei 40º im Schatten, was aber eigentlich keine echte Tanne war. Lag wohl daran, dass unser Deutsch beschränkt war und wir alle immergrünen Bäume „Tannen“ nannten. Vielleicht lag es auch am Lied; „Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum…“, oder…. weil es einfach zu Weihnachten gehörte.

Opa „der Buschdoktor“ war ein guter Tischler und fertigte nicht nur unsere Möbel, er baute unserer Mutter einen Weihnachtsbaumstamm mit Ständer, konisch und mit Löchern bespickt. Sie bastelte jedes Jahr einen sehr schönen und symmetrischen Christbaum, der bis zur Decke reichte. Äste und Zweige von den „falschen Tannen“ wurden abgeschnitten und verwendet.

Ach ja, was waren das denn nun für „Tannen“? wir hatten zwei Sadebäume, so eine Art Wacholder. Hier auf dem Foto im Hintergrund steht einer. Dann hatten wir noch eine italienische Zypresse. Die mochte ich besonders gerne, sie wuchs so dünn und lang in den Himmel wie ich selbst. Als sie noch kleiner war, liebte ich es sie hin und her zu schaukeln um zu sehen wie weit sich die Spitze biegen konnte. Auch ein paar Abendländische Lebensbäume hatten wir, die für uns zum Wortschatz der Tannenkategorie gehörte.Doch irgendwann, waren die unteren Äste für die alljährigen Weihnachtsbäume geopfert, da kam unsere Mutter auf die Idee, Äste von den stacheligen Anden Tannen zu nehmen. Unser Christbaum sah eine Wucht aus. Man konnte sich nur nicht nähern. Es gab auch nicht sowas wie Gärtnerhandschuhe und Muttern war auf jedem Piekser an Händen und Armen stolz, auch wenn sie anschließend drei Nächte lang vor Schmerzen nicht schlafen konnte.

Der falsche Tannenbaum wurde immer erst am Heiligen Abend geschmückt. Wir hatten von einer Schweizer Nachbarsfamilie schöne Kugeln erwerben können. Anderer Baumschmuck brachten unsere Eltern hin und wieder von ihrer zahnärztlichen Reisen mit. Es gab eben Patienten die ihre Zahnbehandlungen nicht mit Geld bezahlen konnten.

Das schönste allerdings, war das Silberpapier der Chocolatines zu sammeln (eine einheimische Praline die aus Zuckerguss mit Schokolade überzogen bestand). Diese Chocolatines gab es im Tante Inge‘s Laden und wir bekamen sie zu besondere Gelegenheiten. Eingewickelt in Rot, Blau, Grün, Lila oder Gelb, war es ein Höhepunkt für uns Kinder. Das Papier entfernten wir ganz vorsichtig, legten es zwischen zwei Papierblätter und glätteten es mit dem Daumennagel. Dann schnitten wir Sterne und Herzen aus Pappe und beklebten dieses mit dem glänzende Schokoladenpapier. Noch eine Schnurr dran und der Baumschmuck war fertig.

Am Heiligabend war die Aufregung riesengroß. Alles wurde sauber geschrubbt (mit oder ohne Engelchen), aufgeräumt und Staubgewischt. Früher als sonst mussten die Tiere versorgt und eingesperrt werden. Der Hof wurde gekehrt. Das Essen wurde noch vorbereitet und gegen Abend sind wir Kinder alle unter der hausgemachten Außendusche gehüpft. Saubere Wäsche angezogen, gekämmt und Schleifchen im Haar warteten wir in der Küche. Die Tür zum Wohnzimmer war zu und wir mussten warten bis die Glocke klingelte.

Wir gingen hinein und es war nicht mehr das Wohnzimmer, es war nicht mehr unser Haus, es war wie auf einen anderen Stern, wie im Märchen!

Wir mussten uns aufstellen wie die Orgelpfeifen und grade stehen. Es lag so viel knistern in der Luft, man hätte sich glatt in die Hose machen können vor Aufregung…

Auch der Weihnachtsmann kam jedes Jahr. Wie es sich später herausstellte, war es meistens der Opa, der Papa oder ein Nachbar. Er hatte zwar keinen roten Anzug an… woher sollten wir das auch wissen… nee, er hatte eine normale Jacke an, und bei der Hitze war das schon exotisch genug! Er trug aber einen langen weißen Bart und Mütze. Mit tiefer Stimme und ernstem Gesicht fragte er uns, ob wir auch schön brav waren. Im Nachhinein frage ich mich; wie kann man als Kind den Weihnachtsmann lieb haben, wenn man doch so viel Angst vor ihm hat? Dabei hatte er immer einen Sack mit Geschenken und die einschüchternde Rute, mit der in jedem Jahr unseren großen Bruder Norberto nachgerannt ist. Oh Gott, war das ein aufregender, weihnachtlicher Zirkus!

Dann war die Bescherung. Meistens was genähtes von unserer Mutter oder was gebasteltes vom Opa. Wie Puppenwagen, Schaukelpferd, Roller, usw.

Singen oder so, wurde Gott sei Dank nicht erwartet. Unsere Eltern hatten beizeiten erkannt, dass wir alle musikalisch untalentiert waren. Nur Oma und Opa haben wir öfters singen gehört. Opa und Papa spielten auch hin und wieder Flöte, ich glaube es waren Querflöten.

Schon Wochen vorher wurde gebacken und vorbereitet. Man achtete schon als Kind auf Andeutungen die evtl. das große Geheimnis der Geschenke erahnen ließen. Und natürlich durfte die ständige Ermahnung ja lieb zu sein, schon Monate vorher nicht fehlen.

Was die Geschenke angeht, da brennt mich schon lange was auf der Seele (bzw. brannte auf meiner kleinen Kinderseele) und ich muss mich im Nachhinein einfach mal ganz arg beschweren. Man soll ja über Menschen, die schon von uns gegangen sind nichts Böses sagen… doch irgendwie fühlte ich mich jedes Jahr um ein Geschenk von meinen Eltern beschissen. Sorry, aber echt! Kann ich was dafür, dass ich zwei Tage vor Heiligabend geboren wurde? Nein!

So hieß es immer; „Ella, Du bekommst nur ein Geschenk für deinen Geburtstag und Weihnachten zusammen, aber dafür was größeres.“

Hallo??? Ist es denn nicht normal für ein Kind lieber zwei Geschenke zu bekommen? Da spielt doch die Größe keine Rolle!

Ich finde, junge Ehepaare mit so einer Einstellung, die Kinderwunsch im Sinn haben, sollten über den gesamten Monat März keinen Sex betreiben. Dann wird vermieden, dass Kinder in der stressigen Weihnachtszeit zur Welt kommen und mein Schicksal teilen!

Geburtstag feiern…? Zwei Tage vor Weihnachten…? Nee, das geht doch nicht! Was hab ich mir immer eine eigene Geburtstagstorte mit Kerzchen zum ausblasen gewünscht. Ich muss zugeben, auch schon als ich erwachsen war… auch noch als ich älter wurde… ach, eigentlich tue ich das heute noch. Ich beneidete immer alle Anderen, die zum Geburtstag Kerzen ausblasen dürfen. Ich beneidete sogar die Schauspieler-Tussi aus der Yes-Törtchen-Werbung. Kennt ihr die noch? Zu ihrem Geburtstag beim campen im Zelt, es regnete und sie war traurig, da reichte ihr Freund ihr ein „Yes-Törtchen“ mit einer Kerze und sang Happy Birthday. Da sind mir immer die Tränen gekommen… komisch, dass man wegen so einem Sch… sentimental werden kann.

An drei Geschenken aus meiner jüngsten Kindeszeit, kann ich mich noch ganz genau erinnern; einmal bekam ich einen Strandball. So einer aus verschiedenen Farben in Plastik und zum aufblasen. Wow! Was habe ich mich über diese schönen knalligen Farben gefreut. Wir mussten beim Spielen so sehr aufpassen, denn wir hatten ja gar keinen Strand, nur Pflanzen und Gestrüpp mit vielen Dornen… er hielt nicht lange aber ich habe ihn so sehr geliebt.

Dann war da das Geschenk von meiner Paten Tante. Auch wenn die Patin schon lange tot ist, schäme ich mich heute noch für mein damaliges Verhalten. Ich bin mir nicht ganz sicher ob ich fünf oder sechs Jahre alt wurde. Tante Liesl hat mir eine Stoffpuppe genäht mit Zöpfen aus Wolle. Ich konnte es kaum erwarten bis es soweit war, denn es wurde immer wieder über ein Geschenk gemunkelt. Als es dann endlich so weit war und sie die Puppe aus der Maleta zog, blickte ich einmal drauf und lehnte das Geschenk ab. Ich kann auch nicht sagen warum. Machte die Puppe mir angst? Fand ich sie hässlich? War ich enttäuscht? Keine Ahnung. Ich konnte sie einfach nicht anfassen und verbarg meine Hände hinterm Rücken. Alles Schimpfen meiner Mutter half nichts. Ich habe sie nie angefasst und fühlte mich so schlecht und schuldig darüber. Ich schämte mich noch Jahre später vor Tante Liesl. Ich sehe die Puppe heute noch vor mir und weiss genau wie sie aussah, doch ich weiss immer noch nicht warum ich sie absolut nicht mochte.

Das dritte Geburtstagsweihnachtsgeschenk ist auf das Foto in diesem Post zu sehen. (Leider habe ich keine alten Weihnachtsfotos. Hier ist die Familie mit Oma und Opa Dreyer.) Ich liebte es und soweit ich mich erinnern kann, war es mein schönstes Geschenk aus der damaligen Zeit. Ich redete mir sogar ein, ab sofort nicht mehr wachsen, um es ewig zu behalten.

Es ging wiedermal zum Jahresende und Geschenkzeit zu. Es war kurz vor meinem sechsten Geburtstag. Ich durfte mit meiner Mutter nach Villarrica, in die nächste Kleinstadt fahren. Oh je, war ich aufgeregt! Ich hüpfte und jauchzte in die Gegend herum und fragte meine Eltern ob ich dann auch mit dem Villarrica seine Kinder spielen darf. Ich konnte mich unter eine Stadt nichts vorstellen… dachte es wäre eine Familie.

Meine Mutter nahm mich mit, weil sie in dem Sinn hatte, mir ein Kleid zum Geburtstag/Weihnachten zu kaufen. Das ging so ab: In die Stadt, im Laden angekommen und ich sehe es heute noch als wäre es gestern, ganz rechts über den Regalen und oben an der Wand hing das Kleid! Nicht irgendein Kleid… mein Traumkleid! Kein Hausmarkenkleid, ein Echtes aus dem Geschäft! Lachsrosa mit Teddybären drauf gestickt und an den Ärmel und Halsausschnitt mit karierten Stoff eingefasst! Ein Blick reichte, schon zog mich meine Mutter weg, nahm ihr Kopftuch und band mir die Augen zu. Es dauerte eine Weile bis die Verkäuferin das gute Stück runter hievte. Währenddessen kam ich mir vor wie eine blinde Kuh! Mein altes Kleid wurde ausgezogen und das Neue (Unsichtbare) anprobiert. Was für eine Folter! Es gab nicht einmal ein kleines Eckchen Licht unter Mutters Tuch… ich konnte wirklich nichts sehen. Das ganze wieder retour und ich wusste nicht; iss es meins oder nicht?

Nach ein paar weitere Erledigungen meiner Mutter, sind wir zurück zu den Höhns um auf den Bus zu warten. Anita Höhn und ihr Mann betrieben sowas wie eine Pension und kleiner Laden. Es nannte sich aber „Hotel“. Wir befanden uns auf der Veranda. Einige weitere Fahrgäste warteten gemeinsam auf den Bus, der am Mittag wieder nach Independencia und zwei weitere Kolonien fuhr. Es waren fast nur Frauen die da rum Hockten und ihren mit Einkauf bepackten Maletas (aus Stoff genähte Sattel/Einkaufstaschen) lagen neben den Stühlen. Ich war das einzige Kind und die gesamten Erlebnisse des Tages erzeugten eine überaktive und ungebremste Hopserei in mir. Ich rannte immer zu um den Tisch, der in der Mitte stand bis es plötzlich in eine der fremden Maletas krachte… oh weia! Ich bin aus Versehen auf so eine Stofftasche getreten. Die Besitzerin schaute sofort nach und ihr Kopf lief rot an! Es war der Kopf einer Puppe die sie als Weihnachtsgeschenk gekauft hatte. Der Bus sollte gleich kommen und nochmal vor Weihnachten in der Stadt zu fahren war einfach ausgeschlossen. Ich schämte mich so sehr. Meine Mutter meinte noch, sie soll doch versuchen den Kopf wieder zu kleben, aber die Frau zeigte ihr den kaputten Kopf und es war wirklich zwecklos. Meine Mutter hatte auch nicht die Möglichkeit den Schaden irgendwie zu ersetzen, glaube ich zumal, denn die Frau war ziemlich stinkig. Ich habe diesen Vorfall nie vergessen und ich wünsche mir, ich hätte später erfahren wer die Geschädigte war, um es irgendwie gut zu machen.

Kann es sein, dass ich deshalb keine Begeisterung für Puppensammlungen empfinden kann?

Die darauf folgenden Wochen bis zur Bescherung bekam ich immer und immer wieder zu hören; sei schön lieb sonst bringt dir der Weihnachtsmann nicht das schöne Kleid!

Ich bekam es und war das glücklichste Kind! Es hatte sich gelohnt auf ein Geschenk zu verzichten. Später musste meine Mutter zweimal den Saum raus lassen. Immer wenn ich das Kleid anziehen durfte, stellte ich mir vor, etwas ganz was Besonderes zu sein.

Am Weihnachtstag haben wir meistens einen Ausflug gemacht. Es wurde einen Pick-Nick eingepackt und es ging meistens zum Fluss oder in den Bergen wo auch ein Wasserfall ein schönes Ziel war.

Bevor wir einen Traktor hatten, mussten die Ochsen vorm Karren gespannt werden. Auch zu Pferd wurde oft so ein Weg bewältigt. So ein Ausflug war einfach ein Erlebnis und wir Kinder hatten so viel Spaß! Manchmal überraschte uns ein Regen, dann hielten wir an und krochen alle unter den Ponchos und wurden trotzdem nass. Das machte uns aber nichts, es war ja eh warm und so ein Regen zog schnell vorbei und die Sonne lachte wieder mit uns.

An ein Boot oder Kanu kann ich mich nicht erinnern. hier sind unser eltern und der älteste Bruder auf'n Fluss.Ein paar Jahre später, als wir in der Stadt zogen, wurde mir klar, dass nicht alle Menschen einen Weihnachtsbaum haben. Ursprünglich in Independencia hatten wir Kinder keinen persönlichen Kontakt zu einheimischen Haushältern. Doch hier in der Stadt, waren unsere Nachbarn nicht mehr Deutsche, sondern Paraguayer. Ein anderer Lebensstiehl wurde gefordert. Auch zur Weihnachtszeit zeigte sich der Unterschied. Die Paraguayer bauen eine Krippe. Meistens am Eingang des Hauses, oder direkt davor, in voller Menschengröße! Es werden grüne Äste in Form einer Grotte zusammen gesteckt und gebunden, mit Palmenblätter, Blumen und vor allem Palmenblüten dekoriert. Aus Holz, Ton, Stein, Stoff oder Plastik die Figuren und immer ein schönes kleines und geweihtes Jesuskindchen in der Krippe. Viele Kerzen brennen und davor liegen frisches Obst, Gemüse und viele Früchte als Gaben.

Um die Weihnachtszeit zieht man in Grüppchen von Haus zu Haus um den „Pesebre“ zu bewundern. Es wird kurz gebetet, vielleicht auch Mate-Tee getrunken, dabei Chipas (Maniokmehlbrötchen) und ein Stück Sopa (Maiskuchen) gegessen.

Einen Pesebre zu besuchen, ist für seinen Besitzer eine große Ehre.

ich wünsche Euch allen eine schöne Adventzeit!

Herzliche Grüße!


Freitag, 29. Oktober 2010

Kinderarbeit

Das klingt irgendwie krass, obwohl es zu der Zeit selbstverständlich war und niemanden geschadet hat.

So möchte ich es doch lieber als „Sinnvolle Zwangsbeschäftigungstherapie für Minderjährige und Kleinkinder“ nennen.

So war unsere Beschäftigungen auch meistens unser Zeitvertreib, bzw. als Spielersatz, in anderen Worten, wir konnten dankbar sein, Kleinholz in der Weide sammeln zu müssen, denn so hatten wir auch gleich Stöckchen zum spielen, eine Wiese zum rennen, usw.… wenn Ihr wisst was ich meine.

Ich beklage mich nicht! Im Gegenteil, so habe ich gelernt Dinge anders wahrzunehmen, zu schätzen und mich über Kleinigkeiten zu freuen. Vor allem, das nicht immer alles schön ist, was erledigt werden muss. Aber ehrlich, damals empfand ich das nicht so. Oder könnt Ihr euch vorstellen als 4 oder 5jähriges Kind Begeisterung zu zeigen, morgens die vollen Nachttöpfe raus zum Klo bringen und endleeren ohne sich die wohlriechende, goldene Flüssigkeit überzuschütten? Dann die Töpfe auswaschen und schön ordentlich, mit der Gosche nach unten, wieder unter den Betten stellen?

Da waren kleine Arbeiten wie auf dem Stuhl stehen um Kaffee zu mahlen, schon eher langweilig und ätzend.

Diese Kaffeemühle gehört zu unseren aktuellen kanadischen Haushalt. ich hatte leider keine Fotos von Damals.

Es gab auf dem Land immer und für jedem was zu tun. Später werde ich mehr darüber schreiben, doch mehr unter der Rubrik; Erlebnisse oder so. Es soll ja nicht so rüber kommen, als hätten wir eine schlechte Kindheit gehabt. Die Zeit war eben eine Andere.

Systematisch bekam jeder seine Aufgaben, was aber nicht heißen soll, dass die Älteren nicht hin und wieder die Kleineren als „Assistenten“ mitnahmen. Aber natürlich erst wenn die Kleineren darum bettelten… Auch damals kamen meine Geschwister schon auf den cleversten Tricks die bei mir volle Wirkung zeigten. Hab ich schon mal erwähnt, dass ich so gutgläubig bin…?

So mussten z.B. die zwei Mittleren, Manfredo und Isolde, nach dem Mittagessen das Geschirr spülen. Es gab keine Spülmaschine, logo! Aber es gab auch nicht sowas wie einen Waschbecken oder gar fließendes Wasser. Das Wasser musste vom Brunnen gepumpt werden. Heißes Wasser befand sich im Kessel auf dem Holzofen. Man stellte zwei Blechschüsseln auf den Tisch und füllte Wasser rein. Ein Waschlappen, den man nicht im Laden erwerben konnte, war meistens eine alte ausgediente und ursprünglich selbstgenähte Baumwolldamenunterhose. Heutig nennt man sie „Slip“, ich weiß aber von was ich rede, es waren früher wirklich „Unterhosen“.

Warum eigentlich eine Unterhose und nicht ein anderes ausgedientes Kleidungsstück? Ganz einfach, aus einem anderen alten und größeren Kleidungsstück, konnte man immer noch ein neues, kleineres Kleidungsstück herstellen. Nur ausgediente Unterhosen waren gut und keine Verschwendung für den Abwasch und Hausputz.

Spüli… gab’s auch nicht, nur Hundeseife. Die konnte man kaufen. Das waren so ca. 30cm x 8cm x 33cm lange und stinkende Seifenstangen. Die benutzte man für alles was zu waschen war. Wäsche, Geschirr, Boden schrubben und bevor es die begehrte „Riechseife“ gab, auch für die Körperhygiene. Dann später weiterhin für die Füße. Es war eine Verschwendung Riechseife für die Füße zu benutzen.

Übrigens; die „Riechseife“ war in meinem Kindesalter ein begehrtes Geburtstagsgeschenk.

Aber erst mal zurück zum Abwasch.

Manfred und Jule hatten wieder eine glänzende Idee ausgeheckt um mich wieder zu verarschen. Ist ja auch verständlich, zwei Fliegen mit einer Klappe… das Miststück was heimzahlen und lästige Arbeit delegieren!

Nachdem sie sich eines Tages besonders beeilten und ganz ruhig den Abwasch erledigten, erzählten sie mir, die Engel hätten es gemacht. Sie mussten nur ganz still sein und zusehen wie fix die Englein für sie abwuschen.

Wow… da war ein Kind wie ich total imponiert und sowas von neidisch… ich bettelte meine Geschwister an, am nächsten Tag den Abwasch zu machen. Gesagt getan! Nach dem nächsten Mittagessen, Eltern wie üblich hingelegt für ihre Siesta. Ich durfte die Engel sehen! Wow… ich war so aufgeregt und es war nicht mal Weihnachten… echte Engel…!

Meine Geschwister verschwanden, ich blieb mit einem Berg Abwasch allein in die Küche. (Übrigens, alle Arbeiten die ich mit meinen dünnen langen noch zu kurzen Beinchen nicht erreichen konnte, stand ein Schemel bereit). Ich verhielt mich ganz still und wartete… und wartete, aber es kamen keine Engel. Wollte aber nicht als benachteiligt der himmlischen Welt vor meine Geschwister auftauchen und somit ging die Rechnung für den Beiden total auf! Als einmalige Gelegenheit konnte es auch nicht bleiben und so wiederholte sich dieses Ritual Tag ein, Tag aus.

In den ersten Tagen hoffte ich immer noch auf die Engelchen, später ließ es meinen zarten Stolz nicht zu, zuzugeben, dass ich keine Engel sah. Und ich würde heute noch da stehen und jeden Mittag für die beiden abwaschen, wenn nicht zufällig unser Vater den Beide auf ihre hinterfurzige Schliche gekommen wäre. Ach ja, wohl nicht nötig zu erwähnen, dass der Lustmacher tanzte.

Norberto der Älteste, musste ganz schön ranhalten was Arbeiten auf den Hof anging. Er musste oft herhalten wie ein Erwachsener oder Tagelöhner.

Das „draußen arbeiten“ oder auch einfach nur draußen mit den Großen zu sein, war meine Welt. Ich liebte zu helfen (oder im Weg stehen), hauptsächlich in der Natur und besonders gern mit Tieren. So war es sehr einfach für Norberto, mich als sein Anhängsel mit zu schleifen. Er musste mich nicht überzeugen, ich bettelte ihn regelrecht an. Ich musste aber immer versprechen, richtig anzupacken, nicht gleich aufgeben und vor allem keine Heulsuse zu sein.

So nahm er mich oft mit, nicht nur zum arbeiten auch zum Vergnügen (besonders das Seine). Wir gingen oft auf Tour. Streiften durch die Gegend und ich war der stolzeste Handlanger auf Erden. Oder fischen, jagen und richtige Jungenangelegenheiten, was immer wieder bedeutete, mein kleines Gebiss zusammen zu kneifen und kein Schmerz oder Reue zeigen. (das gibt aber einen extra Eintrag… irgendwann mal.)

Eines von den wenigen Erlebnissen aus meinem zartesten Kindesalter an die ich mich so klar und deutlich erinnere, ist das vor den Ochsen herlaufen.

Ich war noch sehr klein, vier höchstens fünf, da „durfte“ ich Norberto beim eggen begleiten und helfen.

Wir hatten viele Reben zu dieser Zeit und nach dem Rebenschneiden wurde der Boden zwischen den Reihen geeggt. Das Ochsenpaar passte gerade zwischen den Raben, was auch zu diesem Zweck so angelegt wurde.

Wiedermal hatte ich mir zu viel zugemutet. Oder mein Bruder mir?

Die Ochsen wurden so eingefahren, dass man vor ihnen her mit einer „Picana“ (langer und spitzer Stock) lief. Bei besonderes anspruchsvollen Manövrieren wie rückwärtsfahren oder wo ganz gezielt ranfahren um zu laden oder entladen, piekte man den entsprechenden Ochsen mit der Picana an dessen Schulter, usw.… das lernte ich aber alles sehr viel später als ich älter und größer war.

Die einfache Version Ochsen zu führen war vorher zu gehen und die braven Tiere folgten, bog man ab, so taten sie es auch. Blieb man stehen, sie folgten… rannte man, auch dann folgten sie!

Norberto stellte sich das so vor; er setzte sich hinten gemütlich auf der Egge und ich sollte vor den Ochsen, in den von Unkraut zugewachsenen Pfad zwischen den Reben, her laufen.

Die Weinreihen waren wohl immer so 150 – 200Mtr lang. Ich stellte mich vor dem Ochsenpaar mit der Picana in der Hand (eine kleinere für mich) und es sollte los gehen.

Dieser Moment wird nie aus meinem Gedächtnis weichen. Jetzt versucht Euch mal vor zu stellen wie ich mich fühlte.

Meine gesamte Körpergröße reichte gerade bis unter die Ochsenmäuler. Und da waren sie! Diese riesen große schwarze Löcher! Zwei auf jeder Seite! Wie Höhlen… nur wusste ich damals nicht was Höhlen sind… Aus den Löchern kam Dampf! Wie bei einem Drachen… nur wusste ich damals nichts von Drachen… Ich dachte sie würden mich verschlingen, inhalieren!

Ein Stück weiter oben rollten diese großen schwarzen Kugeln. Sie rollten arg nach unten und bildeten einen Weißen von winzigen Blutadern durchzogen Rand. Sie blickten zu mir runter!

Kennt Ihr das? Mit Kinderaugen ist alles soooo viel größer und furchtvoll.

Ich biss die Zähnchen zusammen und ging los… die Ochsen hinterher. Sie waren so dicht, ich dachte sie würden mich umrennen. Meine kleinen Schritte beschleunigten sich… die großen der Ochsen auch!

Norberto fing an zu schimpfen. Mein Herz viel in den Hosen. Ich hörte nicht auf Norberto, ich rannte immer schneller… genauso taten es die riesen Monster hinter mir. Panik umkindete mich, ich schlüpfte so schnell ich konnte unter den Reben zur nächsten Reihe… Die Ochsen folgten und blieben mit Kopf und Vorderbeine stecken. Bekamen inzwischen auch Tierische Panik und ramponierten die Reben.

Norberto war stink sauer auf mich, musste von seinen Thron runter und die Ochsen aus den Reben entwickeln. Dann wechselten wir Seiten. Ich durfte hinten auf der Egge sitzen… doch auch dazu war ich eigentlich noch zu klein und vor allem zu blöd. Nach einer kurzen Zeit kam mein Fuß in eine Raute, verhängte sich im Acker und ich schrie wie am Spieß!

Norberto hielt an und wollte wissen was passiert sei. Nachdem er mein Fuß rauszog und der auch Gott sei Dank noch ganz war, mahnte er mich ab nicht nochmal wegen so einer Lappalie zu schreien, höchstens wenn ich einen Hasen gefangen hätte.

Ich habe auch nie wieder geschrien, ich bin aber auch nie wieder auf eine Egge geklettert!

Liebe Grüße und bis bald!

Dienstag, 28. September 2010

Der Lustmacher

Die Erziehungsmaßnamen waren früher anders als heute. Das weiß auch jeder. Wenn uns heute die Kinder ausspielen wollen, wir die Nerven verlieren und die kleinen Plagen mal kurz anstupsen, muss man aufpassen, dass man keine Anzeige bekommt.

Was war das hingegen vor 50 – 60 Jahren (als wir Kinder waren) doch für ein Segen für genervte Eltern. Prügel, Schläge, übers Knie legen und je nach Stimmung mit Hose runter oder Hose an, mit dem Stock, mit dem Gummischlauch, mit der Hand oder mit dem Besen. Vor allem auch noch so ungerecht, vier Erwachsene gegen ein Kind! Ja, nicht alle auf einmal, aber immerhin war es legal von Eltern und Großeltern. Je nach Situation, auch mal von den Paten, Lehrer oder sonstigen „Großen“ was ab zu bekommen.

Ach ja, Kind sein war nicht immer wie es jetzt ist. Was war wohl besser? Ich persönlich stimme dafür das Beides falsch ist. Aber hier geht es nicht darum, was heute besser sein könnte, sondern einfach wie war es damals in Paraguay bei den Dreyer’s.

Da fange ich am besten gleich mal beim Titel an. „Der Lustmacher“… um Gottes Willen, denkt jetzt nicht das, was manche denken würden… Der Lustmacher war ganz bescheiden nur das Teil, das unsere Mutter holte, wenn wir keine Lust hatten zu gehorchen.

Hausarbeiten, Schulaufgaben, sich waschen oder einfach auch nur mal gerade sitzen bleiben, kommt nicht unbedingt zu den Begriffen „was Kinder mögen“. Mit anderen Worten; Kind hatte keine Lust oder sagte es auch. Dann sagte immer unsere Mutter; „soll ich den Lustmacher holen?“ Als sie es das erstemal sagte, fanden wir es noch ganz lustig und waren aufgeregt was wohl ein Lustmacher sein könnte. Vielleicht ein Caramelo? Oder gar ein Rippchen Schokolade? Nee, nee… sie brachte eine Rute!

Von da an gab es nicht nur die „Großen“, sondern auch noch zusätzlich den sch… Lustmacher!

Da fällt mir gerade ein, für die heutige Generation würde es „Bockmacher“ heißen. Und darüber werden auch mal eure Enkel lachen, ihr lieben Jungen!

Wenn ich von den „Großen“ schreibe, dann meine ich damit die Älteren/Erwachsenen oder auch größer als ein selbst.

Zwangsläufig wurde es auch irgendwann bei uns Zuhause zu eng. Die beiden Herren des Hauses prallten immer öfter wegen Meinungsverschiedenheiten gegeneinander. Der heranwachsende und älteste Spross glaubte auch, die Rolle des Oberhauptes sei ihm geweiht, sobald die zwei anderen Häupter sich anderweitig beschäftigten oder sich außer Hör- und Reichweite befanden.

Aber erst mal zurück zum Haus das zu eng für zweieinhalb Generationen wurde. Das sahen die „Großen“ ein und unsere Großeltern bauten sich ein eigenes Häuschen. Aufs gleiche Grundstück aber höchstens 30Mr entfernt. Eigene vier Wände, aber ganz wichtig war, weiterhin auf Hörweite zu bleiben. Grundsätzlich war es eine Notwendigkeit um den nötigen Sicherheitstand zu halten. Das hat jetzt nichts mit Versicherungen oder so zu tun, so was gab's ja nicht, es war eine sehr gefährliche Zeit wegen Überfälle und so.

Von der pikanteren Seite gesehen, diente diese Nähe als so was wie eine innerfamiliere Spionage Möglichkeit .

So bekam man immer noch mit, was im Haus der jüngeren Generation so vor sich ging. Besonders wenn es mal laut wurde, stieg auch der Interessepegel. Wehte dann vielleicht der Wind aus der falschen Richtung, konnte man immer noch ein wenig an den Pflanzen herumzupfen oder Unkraut in hörbarer Nähe rupfen. Anders ausgedrückt, es blieb immer und ewig zu eng!

Unsere Oma, Gott hat sie selig, war ein wenig arg neugierig. Ihre Schwiegertochter, unsere Mutter, Gott hat sie auch selig, wusste das zu gut und nutzte jede Gelegenheit sie in dieser Hinsicht ein wenig zu reizen.

Manchmal frage ich mich, ob der liebe Gott es inzwischen geschafft hat, dass die beiden Damen da oben gemeinsam auf einer Wolke sitzen und sich vertragen.

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Hier ein Bildchen von Oma und Opas neue Haus. Mit den Beiden natürlich und den drei Ältesten Geschwistern.

Jetzt ein paar Beispiele über Erziehungmaßnahmen und warum ich bis heute noch davon überzeugt bin, dass wir für unseren großen Bruder nur ein paar „zahme Äffchen“ zum herum scheuchen waren.

Er hatte seinen Spaß, in dem er uns bei Abwesenheit der Erwachsenen, wie Sklaven herumkommandierte. Taten wir es nicht, wurden wir von ihm auf irgendeiner Weise bestraft, oder kündigte es uns zumindest an.

Er blieb länger auf und spielte Karten mit der Angestellten. Wir mussten ins Bett und absolut ruhig sein. Wir durften uns nicht einmal umdrehen, weil der Strohsack raschelte (unsere Matratzen wurden mit trockenen Maisblättern gefüllt). Selbst wenn wir „mussten“, mussten wir es unterdrücken.

Als es bei einer Abwesenheit der Eltern mal wieder zu arg wurde, ging Manfredo und Isolde zu Opa und beklagten sich über Norbertos Sklaventreiberei.

Die Islode hielt sich im Hintergrund während Manfredo schweren Herzens alles rausließ was zu viel war. Kurzerhand schnappte sich der Großvater den unschuldigen Jungen, legte ihm übers Knie und versohlte seine kleine Sitzfläche so, dass der Arme ein paar Tage im stehen sitzen musste. Danach stellte er ihn vor sich hin und sagte oberbefehlshaberisch; „Das ist dafür gewesen, weil du deinen Bruder verpetzt hast!“ Erst dann nahm er sich den großen Bruder vor und verprügelte ihn gleichermaßen. Meine Schwester war noch klein, aber schon schlau genug um dankbar zu sein, den Mund im richtigen Moment gehalten zu haben.

Ich gebe ja auch zu, dass ich ein wenig über den Durchschnitt von unseren Vater verwöhnt wurde. Das wusste ich auch und rannte immer zu ihm und petzte. Was wiederum den Nachteil hatte, dass ich nochmehr geärgert wurde, wenn er außer Reichweite war.

Auch war ich so was wie ein „Milchkind“. Nur von Milch, Milch und nix anderes als Milch ernährte ich mich. Die ersten 23 Monate meines Lebens, nur Muttermilch. Ich war schon so groß, dass ich selbst den Schaukelstuhl vorrücken konnte, meine Mutter rückwärts draufschieben, auf ihren Schoße klettern und ihr Kleid aufknöpfen konnte. Später ein paar Jahre noch, hauptsächlich nur Kuhmilch, aber immer im Fläschchen morgens ans Bett gebracht und abends vorm Einschlafen genauso.

Eines Tages, Eltern weg - Bruder Boss… er machte mein Fläschchen und tat viel zu viel Zucker rein. Ich beschwerte mich. Er nahm das Fläschchen und tat Salz dazu, damit es nicht mehr zu süß ist. Ich beschwerte mich weil es zu salzig war. Er nahm das Fläschchen und tat Zucker dazu. Dann noch einmal Salz und wieder Zucker. Er erlaubte keine Beschwerde mehr, ich trank ein Teil dann drehte sich mein Magen um und schüttete alles zurück. Oh Backe, ich bekam einen Anschiss von ihm, weil ich zu blöd war mein Fläschchen zu trinken ohne zu kotzen!

Krass war ja die Bauchwehkur die er mir verpasste.

Ok, ich war schon immer sehr gutgläubig und man (Geschwister) konnten mich leicht veräppeln. Als Erwachsene haben wir inzwischen schon sehr oft über diese Geschichte gelacht. Nun kommt es auf ein paar Lacher mehr auch nicht mehr an.

Eine „Eltern weg - Bruder Boss Geschichte“.

Wieder musste ich früher und alleine ins Bett, weil ich ja dumm und klein war. Ich hörte aus meinem Zimmer, wie die anderen Geschwister nebenan im Wohnzimmer kicherten und ihren Spaß hatten. Ich wollte doch auch so gerne dabei sein.

Ich rief ganz sachte: Norbert…

Er: WAS?!!!

Ich mit Mäuschenstimme: darf ich raus?

Er: HALT DIE KLAPPE UND SCHLAF!!!

Ich, (nach einer Weile): Norbert…

Er: DU SOLLST ENDLICH SCHLAFEN!!! (Schimpfwort, Schimpfwort)

Ich, (ganz schlau): ich hab doch Bauchweh

Er: HALT ENDLICH DIE KLAPPE!!!

Ich (schluchzend und inzwischen tat der Bauch wirklich weh): Aber, mein Bauch tut doch so weh…

Er: STECK DEN FINGER IM AR… UND HALT ENDLICH DEINE KLAPPE!!!

Erstmal Ruhe…

Eine ganze weile später…

Ich: Norbert…

Er: WARUM SCHLÄFST DU NOCH NICHT???!!!

Ich: Mein Bauch tut immer noch weh…

Er: HAB DIR DOCH GESAGT DU SOLLT DEN FINGER IM AR… STECKEN!

Ich (laut schluchzend): Hab ihn doch noch stecken, aber mein Bauch tut immer noch weh…

Ja, es ist wohl nicht schwer zu erraten, wer von uns wohl am meisten dafür sorgte, dass der „Lustmacher“ nicht an Gebrauchsmangel litt.

Auch ich war mal als kleines Kind gewaltig dran. Da wusste ich zwar noch nicht was ein Lustmacher war, aber er sorgte dafür, dass ich noch 31 Jahre später Alpträume hatte, die ich mir nicht erklären konnte, bis ich zufällig drauf kam als ich wegen einer anderen Sache, einige Sitzungen auf der Couch des Seelenklempners verbringen musste. Seit her sind sie auch nie wieder aufgetaucht.

An dieser Geschichte kann ich mich selbst nicht erinnern, aber unsere Mutter erzählte sie immer wieder sehr gerne und mit Stolz, wenn das Thema „Kindererziehung“ irgendwo und wann aufkam.

Kaum konnte ich laufen, entdeckte ich auch eine Leidenschaft fürs „Weglaufen“. (Böse Zungen von lieben Menschen behaupten, dass ich bis heute diese Leidenschaft nachgehe.)

Meine zwei mittleren Geschwister wurden immer dazu verdonnert auf mich „das Miststück“ auf zu passen. Besonders in der Mittagszeit wurde es brenzlig. Die Eltern wollten ihre Siesta halten, im Sommer extrem heiß und überall lauerte die Gefahr von Giftschlangen, Unfallmöglichkeiten noch und noch. Hinzu kam, immer wenn ich weg lief tat ich meine Sache echt gut und kam sehr weit. Also zusätzlich Gefahr vom „bösen Mann“.

Irgendwann war es wieder soweit und ich lief weg.

Alleine das Suchen entpuppte sich als ein riesen Drama. Es war ja nicht so, als müsse man eine Wohnung oder Haus absuchen. Die gesamten 40Hektar, Die angrenzenden Nachbarsgrundstücke, Straßen, Urwald, Bäche, Schluchten, Ställe, Schuppen, Donnerbalken, Räucherkammer, usw, usw…

An so einer Suchaktionsafari nahmen erst nur die Familienmitglieder Teil, später wurden die Tageslöhner zusammengepfiffen, sogar die Hunde wurden angefeuert… (ich versuche, das hier so wiederzugeben, damit ihr es Euch bildlich vorstellen könnt um besser zu verstehen warum ich unsere Mutter auch verstehen kann.)

Nach Stunden des Suchen, sah unsere Mutter, wie hinterm Tor auf der Straße am Ende des Grundstückes, ein Reiter winkte.

Dieser fand mich marschierend auf der Straße auf und brachte mich dort hin. Es war zwar ein Hiesiger, aber ein Bekannter.

Unsere Mutter ahnte, dass sein Winken mit mir zu tun hat. Sie lief schnell runter und wirklich; da war ich. Inzwischen schon am heulen und meine kleinen Füsschen total erschöpft.

Wenn Ihr jetzt denkt ich war gerettet und wurde liebevoll nachhause getragen, täuscht Ihr Euch.

Meine Mutter riss ein paar Ranken von den links und rechts stehenden Weinstöcken und versohlte nicht nur meinen von Windeln gepolsterten Popo, sondern auch den nackten Beinchen und zwar ununterbrochen den gesamten 420Mr Weg hoch bis zum Haus.

Dort angekommen, waren meine Geschwister dran weil sie nicht richtig auf mich aufgepasst hatten.

Das war meine intensivste Begegnung mit dem „Lustmacher“.

…ich frage mich gerade… ist denn schon so lange her?

Oh ja!

Herzliche Grüße!

Freitag, 3. September 2010

Das Miststück

Das neue Haus wurde 420Mtr gen Berg entgegen und von der Straße weg gebaut. Erst sah es viele Jahre so aus, dann wurde links und rechts, oder oben und unten, besser eigentlich; hinten und vorne angebaut.
So blieb es auch bis wir es endgültig Ende August 1986 verließen.
Entschuldigung, so ganz blieb es nicht, denn in den 70ern wurde ein Badezimmer und Toilette angebaut. Früher erledigten wir solche Dinge im Klohäuschen draußen.
Hier geht die Geschichte weiter. Haus war größer, Kinder wurden geboren, wir bekamen alle unseren Namen und irgendwann auch beim Standesamt angemeldet. Aber, wie waren wir so als Kinder?
Neulich beim skypen mit meiner Schwester in Berlin, (sie kommentiert alle meine Blogeinträge mündlich und direkt. Ich schätze ihre Direktheit !) da sagte sie zu mir; „schreibst Du auch mal darüber, was für ein Miststück Du als Kind warst?“
1 – 2 – 3 – 4 – 5 – 6 – 7 – 8 – 9 – 10… tief einatmen und langsam ausatmen. (Das hilft meistens)
Da ich keine alternativ Stichwörter zur Auswahl bekam, muss ich wohl oder übel darüber schreiben. Ich habe schon immer getan, was man mir sagte.
Übrigens, beschreibe ich unsere Kindheit, so wie ich sie erlebt, miterlebt und empfunden habe. Ich bin mir sicher, meine Geschwister sind da anderer Meinung. "grins"
Ich stelle jetzt dieses Foto ein, da kann man sich schon fast ausrechnen, warum ich ein Miststück in den Augen meiner Geschwister war.
Der Älteste um ein Stück älter als die Mittleren, die nur etwas über ein Jahr voneinander getrennt waren. Dann drei Jahre und neun Monate später kam ich. Das ersehnte Geschwisterchen, dass auch noch der „Weihnachtsmann“ brachte, auf das man auch noch aufpassen muss, dass einem bei jedem Streich in die Suppe spuckt, wechselt zwangsläufig vom Geschwisterchen zur Plage, bzw. zu ein Miststück! An dieser Stelle; liebe Geschwister, ich bin Euer Werk!
Also schön der Reihe nach. Norberto und Manfredo waren schon immer so verschieden wie zwei Jungs nur sein können. Sie waren nicht wie Max und Moritz, aber Norberto der älteste war Max und Moritz in einem. Er war ein waschechter Lausbub, musste als Kind schon früh hart anpacken und somit unter den Geschwistern eher als Einzelgänger, ausgenommen von den Zeiten an denen unsere Eltern verreist bzw. verritten waren, da spielte er den Obermacker und lies den Boss raushängen. An solchen Tagen passierte immer jede Menge, doch bis unsere Eltern zurückwaren, war Gras drüber oder wir mussten alle das Maul halten, denn sonst hätten wir ja auch alle drauf bekommen. Doch mein angeborener Wahrheitssinn, zwang mich immer wieder zu petzen. Das trug sehr viel bei ,um ein gutes Miststück zu werden.
Unser großer Bruder heckte immer was Neues aus. Eigentlich täglich. Er war oder tat absolut furchtlos und war draufgängerisch. Ok, es waren auch raue Zeiten und Gefahr lauerte überall. Der Umgang mit Waffen war für uns Kinder so normal wie in der heutigen Zeit das Handy.
Ein kleines Erlebnis um meine Beschreibung besser zu verstehen. Wieder einmal waren wir allein, so im Alter von 3, 6, 7 und 9. Großer Bruder = Großer Boss. Unser Klo war draußen. Es wurden sehr große Löcher gegraben, ein Holzhäuschen drauf gesetzt, drinnen ein Erhöhung mit zwei runde Löcher. Ein großes passend für den Erwachsenen Po und ein kleineres für den kleinen Kinderpo. Mit Deckel, versteht sich. Wir haben als Kinder immer mit der Taschenlampe runter geleuchtet und uns um die vielen tausend Maden amüsiert. So, das war das Klo. Wie gesagt, eines Tages waren meine Schwester und ich auf Sitzung. Das heißt, ich habe sie nur begleitet. Die arme saß so schön da, als plötzlich neben ihr an der Wand eine riesen Vogelspinne runter kroch. Die Biester sind wirklich tellergroß dort. Sie erstarrte fast vor Angst und sagte; "Ella, geh hol schnell den Norbert." Ich tat was man mir sagte. Rannte ins Haus und stotterte das Geschehen. Der Norbert riss die Schrotflinte von der Wand, hin zum Klo wo unsere Schwester bewegungslos drauf saß, zielte auf die Spinne und Peng! Spinne tot, Loch im Klo und unser Opa, der Buschdoktor, musste mit der Pinzette die Holzsplitter aus Isoldes Po einzeln rausziehen. Das war der große Bruder.
Manfred und Isolde waren als Kinder immer zusammen. Sie waren beide sehr häuslich und harmonierten sehr gut. Manfred liebte schon als Kind das Kochen. Ein Huhn zu rupfen, es ausnehmen und es lecker zubereiten konnte er schon als Kind. Norbert hingegen, wusste wo was Essbares ohne große Anstrengung zu holen ist, wenn er hunger hatte. Hunder hatte er immer, da war es kein Wunder, dass ständig ganze Schinken und ganze Würste aus der Räucherkammer verschwanden.
Manfred hatte auch immer einen Gerechtigkeitssinn und war immer fürs genaue teilen. Einmal auch wieder, da schlachtete er wieder ein Huhn und verteilte die Innereien, ganz gerecht an allen Hunden draußen. (Wir hatten immer viele Hunde). Da schnappte ein Hund gierig zu und verletzte ihn kaum nennenswert an einem Finger. Wie gesagt, nicht die Rede wert, doch bald danach brach bei dem Hund die Tollwut aus und Manfred erwischte es auch bitter böse. Er war eigentlich so weit, dass Ärzte ihm aufgaben, aber wie durch ein Wunder, hat er es gepackt. Seine Liebe für Hunde und die gerechte Aufteilung aller Leckerbissen blieben ihm immer erhalten. Er sorgte auch rührend dafür, dass kein Hund, klein oder groß, fremd oder eigen, leer ausging, wenn eine Hündin auf natürliche Weise alle Rüden von weit und breit anzog. Unsere Mutter sperrte die Hündin im Weinkeller mit dem von ihr erwählten und standesangemessenen Decker ein. Der Rest blieb draußen und heulte, bellte und knurrte sich gegenseitig an. Wir wurden geschickt um einen Eimer Wasser drüber zu kippen damit Ruhe herrscht und die Eltern ihren Mittagsschlaf halten konnten. Aber Manfred ist hin, und lies alle draußen wartende Hunde, schön der Reihe nach rein. Nach ein paar Monaten wunderte sich unsere Mutter, warum bunt gemischte Hundebabys im Korb lagen. Besonders erstaunt war sie über den Halbdackel, bei so einer großen Mutter und Vater.
Manfred konnte auch sehr schön sticken. Er beglückte Oma und Großmutter mit einem bestickten Deckchen für den Tisch. Norbert hingegen, brannte schon mal seinen Namen mit Schießpulver auf der Tischplatte ein. Es blieb gerade übrig von der Bombe die er zum Fischen gebastelt hatte… (davon erzähl ich ein anderes Mal.)
Das waren in groben ganzen die Jungs.
Die Isolde, da gibt es eigentlich nicht viel zu erzählen. Sie war immer viel mit Manfred zusammen, doch dann ging sie in die Hauptstadt zur Schule und Manfred in eine andere Stadt.
Ich habe Isolde (Jule) immer sehr bewundert und beneidet. Sie war intelligent, sie konnte alles, war gut in der Schule, war hübsch und sehr beliebt. Sie war sehr Frühreif. Mit siebzehn geheiratet und mit achtzehn schon ein Kind. In dem Alter glaubte ich noch fest daran schwanger zu werden wenn ich auf ein Männerklo gehe. Ja wirklich, ich war eigentlich immer sehr naiv und gutgläubig.
Aber wieder zurück zur Kindheit. Wenn es einen nennenswerten Störfaktor für meine Geschwister gab, besonders für Manfred und Isolde, dann war ich das. Für Norbert eher nicht, für ihm war ich ein leichtes Dackel-Opfer. Er brauchte immer jemanden den er herumkommandieren konnte. Mit mir konnte er es. (Weitere Geschichten später.)
Nicht nur störte ich den Beiden gewaltig bei allem was sie taten, nein, sie wurden dazu verdonnert auf mich auf zu passen. Ich vermasselte ihnen jedes Spiel weil ich ja noch viel kleiner war und es nicht so konnte wie sie. Wenn die Beiden z.B. was von der Mama wollten, wurde ich geschickt… und wieder habe ich was vermasselt, denn ich sagte; „du sollst sagen, dass du caramelo (Bonbon) willst“. Ich war einfach zu blöd um es zu schnallen. Am schlimmsten war ja meine Petzerei. Ich konnte nie etwas vormachen. Umso schlimmer war es für mich, wenn Mutter uns allen herbei pfiff, uns vor sich aufstellte und der Schuldige solle sich melden. Einmal brauchte jemand Schnurr und riss es von ihr angefangene Häkelarbeit. Da standen wir auch wie die Soldaten vor ihr und keiner war‘s. zuletzt hieß es; „Ella, wenn Du es zugibst dann ist alles in Ordnung und keiner wird bestraft.“ Ich war es nicht und wurde gezwungen zum lügen. Ich träume hin und wieder immer noch davon.
Also in anderen Worten, mit mir als Kind konnte man keine Pferde stehlen. Ich war einfach zu blöd um zu kapieren, dass man auch mal ein wenig schummeln kann ohne dass die Welt gleich untergeht. Egal was ich tat um dabei zu sein, es war immer das Falsche.
Einmal kann ich mich erinnern, da war auch wieder so eine Situation und ich willigte zu einer Mutprobe ein. Wieder in der Mittagszeit als die Eltern ihre Siesta machten. Wir waren hinterm Weinkeller, dort wuchs viel Unkraut, unter anderem auch Brennnessel. Die sind bei uns kleinblättriger, buschiger und nicht so hoch. Doch die Wirkung ist die gleiche. Ich zog mich nackig aus und ließ mich mit dem Zeug am ganzen Körper verbrennen. Da waren unsere Eltern sauer, die anderen haben einen Arschvoll bekommen und ich habe am lautesten deswegen geheult.
Ich glaube es ist auch ganz normal, dass ältere Geschwister die kleinen gerne veräppeln. Ich wollte so gerne mit den Beiden spielen. Überhaupt einfach nur dazu gehören, aber ich war immer zu klein und zu blöd und schon bin ich wieder zu mein Papa gerannt und gepetzt.
Egal, ob ich was angestellt habe oder die Anderen, doch sie mussten dafür herhalten. Da ist es doch nicht mehr als verständlich, dass ich aus ihren Betrachtungswinkel, immer nur ein „Miststück“ war.
Außerdem, können wir heutzutage darüber lachen!
Bis zum nächsten Mal!

Sonntag, 22. August 2010

Die Namen

Was sich Eltern bei der Namensvergabe wohl gedacht haben...
Am 31. Januar 1945 wurde der Älteste geboren. Unser Großvater, der Buschdoktor liebte Wagners Oper „Tristan und Isolde“, doch Unsere Mutter weigerte sich ihren Sohn Tristan zu nennen.
Tristan und Isolde, eine Szene aus der Oper.
„Manfred“ sollte der erste Sohn getauft werden. Das ging aber nicht, denn Opas Stier hieß Manfred und wieder weigerte sich Mutter, dass der Erstgeborene den Namen des Zuchtbullen trägt.
Auf „Norbert“ wurde sich geeinigt.
Als Mutter wieder schwanger wurde, musste zwangsläufig der Stier geopfert werden! Jetzt nicht so als Ritual oder um die Geister gut zu stimmen, ne… um seinen Namen zu klauen.
Oktober, der 25te im Jahre 1947 kam das zweite Baby an. Als Vater ins Geburtszimmer kam, wurde er von Opa und Mama verarscht und bekam beigebracht, dass er eine Tochter habe. Da riss er die Windeln vom Neugeborenen und war erleichtert, das zu sehen was einen Buben ausmacht. Gott sei Dank! Der Stier ist nicht umsonst in die Wurstpelle gelandet!
Manfred war da!

Ich habe leider keine Baby oder Kleinkinderfotos von alle Geschwister. Hier Meine Großeltern, Eltern und die beiden Jungs. Wie sich das abspielte mit der Geburt von meiner Schwester, habe ich Euch schon erzählt.
Und endlich durfte Richard Wagner als Namenpate in der Dreyers Geschichte eingehen!
Isolde erblickte das Licht des Lebens am 30ten März 1949. Oben ist die Jule (Isolde) es gibt keine Fotoverwechselungen, denn auf alle Fotos bin ich sehr ernst. Jule schaut immer freundlich. Wie hier... kein wunder, sie sitzt auch auf mein Schaukelpferd. Aus „Norbert“ und „Manfred“, wurde mit der Zeit, besonders durch spätere spanische Schulzeiten, „Norberto“ und „Manfredo“. Später wurden ihre Dokumente ausgestellt und heißen bis heute noch so.
„Isolde“ konnte man nicht verspanischen und blieb auch so. Zuhause wurde sie immer „Soldi“ genannt. Seit fast einem halben Leben, ist sie für mich die „Jule“, was sich auch immer mehr durchsetzte. Vielleicht nannte ich sie so, weil ich sie immer um ihren Namen beneidete. Nee, eigentlich nicht.
An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich schon einmal nicht nur über meinen Namen, sondern auch über den fehlgeschlagenen Versuch ihn zu ändern, geschrieben habe. Das war in Dezember 2009, auf meinen anderen Blog. Diese Geschichte gehört jetzt eigentlich hier her, drum nehme ich Einiges raus, um es hier neu einzustellen.
Der Post hieß; Zwei mal getauft…
…geht das überhaupt? Oh ja! Bei mir (bzw. unsere Familie) schon!
Ich frag mich; wie kann man/frau ein Kind in die Welt setzten um es dann so einen Namen zu verpassen; „Elfriede“! Na ja, es ist ja nicht der schlechteste Name, nur ich habe ihn gehasst seit ich mich erinnern kann. Ich fand einfach, wir zwei gehören nicht zusammen! Wir passen nicht einander! Angeblich wurde er von unserer Oma-Dreyer ausgesucht. Sie war auch die Einzige, die mich so nannte.
Ich höre sie heute noch rufen… „Elfr-üüüüüü-de“… Grrrrrrrr …
Von klein an wurde ich „Ella“ genannt. Mit Ausnahme von unserem Vater, der nannte mich grundsätzlich nur „Ello“. Er wollte einen Jungen und behandelte mich auch so. Ich machte mit, (ich habe immer getan was man mir sagte, außerdem war ich viel lieber draußen bei den Tieren und der Natur) hatte bei ihm dafür einen Stein im Brett.
Hier zu Lande ist es erst recht blöd. Grundsätzlich wird man mit dem Vornamen angesprochen oder aufgerufen. Das hört sich vielleicht bescheuert an: „El-freit“! Eher wie ein Gericht im Fast Food Restaurant
Ich muss es mir angewöhnen und daran denken, immer wenn ich meinem Namen wo angebe/schreibe (Ela) hinzuzufügen.
Viele fragen mich, warum ich meistens mit „Ela“ unterschreibe. Ganz einfach „Ella“ bedeutet auf Spanisch „sie“ und wird „Elja“ ausgesprochen. Deshalb habe ich ein "l" amputiert.So, jetzt wisst Ihr was ich von meinem Namen halte! Und weil das schon immer so war… erzähl ich Euch jetzt eine kleine Geschichte dazu.
Als wir Kinder waren, hatte unser Vater Zoff mit der Deutschen Schule in Independencia. Scheinbar ziemlich arg, denn er nahm meine drei größeren Geschwister aus der Schule. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt das Schulalter noch nicht erreicht. Der große Bruder wurde aufn Gaul gesetzt und musste jeden Tag einige Kilometer zur nächsten Kolonie reiten. Der zweite wurde nach Encarnación zur Tante gebracht und ging dort zur Schule. Meine Schwester war gerade mal sieben oder acht geworden, sie kam zu Bekannten nach Asunción und ging dort in der Katholischen Nonnenschule.
Ich war damals vier Jahre und hatte plötzlich keine Geschwister mehr!Ein Jahr später. Auf einem anderem Grundstück das uns gehörte, lebte ein älterer deutscher alter Junggeselle, Eigenbrötler, Künstler und Lebenskünstler. Der Hans Stecher. (ich habe heute noch ein Gemälde von ihm.)
Bei uns wurde immer pünktlich zu Mittag gegessen. Herr Stecher erschien auch jeden Tag pünktlich um kurz vor zwölf mit irgendeiner Ausrede und blieb bis das Essen auf dem Tisch stand. Wohl oder übel wurde er gefragt, ob er mitessen wolle. So dachten sich meine Eltern; wenn er eh schon hier isst, kann er der Ella auch das Abc und 1x1 beibringen.
Na toll! Ich zog das große Los!
Von nun an kam er weiterhin jeden Tag, nur brauchte er keine Ausreden mehr und bekam zusätzlich zum Mittagessen auch noch Frühstück und Taschengeld! Ich weis noch, einmal bekam ich Ärger und eine gescheuert, weil ich ihm verpetzt hatte. Er meckerte über den Cocido (Tee) und schüttete ihn aus dem Fenster weil‘s kein Kaffee gab.Ich kann mich an Vieles erinnern, aber bestimmt nicht daran, dass er mir was beigebracht hat.Ein weiteres Jahr darauf, bemerkten die Eltern wohl meine Einsamkeit und holten die Veronika, ein Kind von Bekannten aus Encarnación, zu uns. Ich weis, es macht keinen Sinn, aber damals machte so sehr Vieles keinen Sinn bei uns. Das Thema Veronika, (sie war vier Jahre älter als ich) werde ich hier nicht weiter beschreiben. Das ist eine total andere Geschichte. Nur so viel, sie konnte weder lesen noch schreiben und durfte Stecher’s Unterricht mit mir teilen, aber sie hat mir mehr beigebracht als der Alte Knurrsack. Ich habe immernoch ein Stecher Gemälde als Andenken. Er hatte damals keine Leinwände, deshalb malte er auf Sperrholz. Seine Motive waren immer das Landleben der Paraguayer und vergaß nie die Aasgeier am Himmel.Nach zwei weiteren Jahren war ich gerade acht. Muttern ist mit uns vier Kinder (alle wieder Nachhausgepfiffen…) nach Villarrica gezogen.
Unser Vater blieb aufs Land und kam nur am Wochenende zu uns.Ich war die Einzige, die noch kein Spanisch konnte… und auch sonst nichts konnte… doch das war den Eltern gar nicht so klar gewesen. Schließlich hatte ich doch zwei oder drei Jahre Unterricht beim Hauslehrer den Herrn Stecher.
Altersgerecht gehörte ich in die 3. Klasse und so wurde ich in der katholischen Nonnenschule eingeschrieben. Niemand sprach Deutsch (oder das Kauderwelsch das wir Deutsch nannten). Doch das war alles nur halb so schlimm. Das schlimmste war ja keinen Christlichen Namen zu haben! Und nicht getauft! Evangelisch getauft zählte nicht! Wir wurden so beschwätzt, das unsere Eltern ja zur einer „richtigen Taufe“ sagten. Das einzige was ich daraus verstehen konnte und einen riesen Lichtblick an meinen bescheidenen Horizont war; ein neuer Name! Nie wieder Elfriede! Endlich würde man mit mir spielen, weil man meinen Namen aussprechen kann. Oh mein Gott war ich aufgeregt über diese Taufe! Das aller, aller, Schönste, ich durfte mir selbst einen Namen aussuchen. Jippiii, Jippiii…! Meine Eltern nahmen das alles gar nicht so ernst. Haben alles so schön mitgemacht, denn es sollte ja nur ein zusätzlicher 2. Vorname sein. Hätte ich damals schon den Spruch gekannt; „endlich gehöre ich nicht mehr zur Unterschicht“ dann wäre das mein wichtigster Satz gewesen.
Na gut, zu der zeit und die Hälfte meiner Schulkameradinnen, hatten einen Namen der mit „María“ anfing. María Mercedes, María Estela, María Graciela… ich fand das so schick und so war mein Wunschname „Maria Cristina“. Ach… ich schwebte auf Wolken… und er klang so christlich!Dann wurde ich getauft und gleich danach kam meine erste Kommunion.
Die Bescheinigung habe ich noch, María Cristina wurde mein Hauptname. Aus „Elfriede“ wurde „Wilfride“ gemacht und fünf Jahre lang, während ich auf dieser Schule ging, nie wieder erwähnt! Ich war nur María Cristina und niemand ahnte, dass ich noch einen dritten Name hatte. Elfriede oder Wilfride erschienen auf keinem Zeugnis oder sonstiges Schuldokument. Mit dreizehn kam ich auf einer neuen Schule. Mein Vater ging hin und wollte mich einschreiben. ordnungsgemäß nahm er meine Geburtsurkunde und meine Grundschulabschlusszeugnisse mit.
Man fragte meinem Vater, welche der beiden Mädels er wohl anmelden wolle. Auf die Geburtsurkunde stand Elfriede Dreyer und auf den Zeugnis María Cristina Dreyer! Meine Güte war mein Vater sauer als er heimkam. Er musste bis zum Kultusministerium um das ganze in Ordnung zu bringen. Nur es war bestimmt nicht so schlimm, wie für mich wieder die Elfriede zu sein. Da fingen wohl meine ersten Depressionen an. Zumal ein halbes Duzend meiner alten Schulkameradinnen mit zur gleichen Schule gewechselt sind! Ich weis bis heute immer noch nicht, welche Taufe gilt denn nun. 2 x Taufen geht doch nicht. Demnach bin ich Evangelisch. Doch überall steht Katholisch… ist es verwunderlich, dass ich meinen eigenen Glaube habe? Was spielt es noch für eine Rolle? Mein Vater pflegte zu sagen; „Die Religion ist unwichtig, allein der Glaube zählt!“ Hier nochmal ein Foto von uns vier Geschwistern und Mutter. Alle schon mit einen Namen!

Liebe Grüße!

Dienstag, 17. August 2010

Der Buschdoktor

Früher, und ganz besonders um in einer fremden Welt in den Urwald zu ziehen, musste man schon vom Allen ein wenig Ahnung haben. Die Zeiten, wo man die Gelben Seiten aufschlagen konnte, um einen Handwerker, Klempner, Schreiner oder gar einen Arzt zu rufen, sind bis heute noch nicht so richtig bis nach Independencia gedrungen.
Alles musste selber gemacht werden. Besonders schön war es, wenn man sich gegenseitig helfen konnte. Was aber nicht unbedingt den Eindruck erwecken soll, das damals zwischen den ersten Kolonisten alles nur Friede-Freude-Eierkuchen war. Nee, nee… es gab da schon jede Menge Reiberein. Alleine schon der Fakt, dass eine Kolonie aus Menschen von unterschiedlichen deutsche Bundesländer stammten. Dann auch Österreicher, Schweizer und eine Minderheit an andere Nationalitäten. Doch wenn es hart auf hart ging, wurde zusammengehalten.
Die allerersten Häuser, waren im Grunde nur ganz einfache Palmhütten. Unser erstes Haus, dass ich im ersten Post vorgestellt habe, war schon aus Lehm und selbstgebrannte Ziegelsteine. Türen und Fenster hatte Opa selbst gezimmert. Die Schindeln wurden aus dem Hartholzbaum „Lapacho“ mit der Axt in brauchbarer Form gehauen. Der Boden war festgetretener roter Lehm, der im trockenen Zustand sehr hart wurde. Doch alles keine Garantie um Ungeziefer fern zu halten.
Jetzt machen wir mal einen kleinen Salto; von den 20zigern hin zu 1942 – 1952. Die Jahre als unsere Eltern geheiratet haben und alle vier Kinder geboren sind.
Unser Großvater hatte ein wenig medizinische Kenntnisse. Ich glaube er war eine Zeitlang Sanitäter im Krieg, außerdem war er in dieser Hinsicht sehr interessiert und belesen. So kam es, dass er unser Doktor, Tierarzt, Hebamme, Guru und Besserwisser war. Irgendwann hatten wir schon einen Arzt, doch es sind immer noch viele Leute zu Opa zur Behandlung gekommen. Entweder war der richtige Doktor zu weit weg, er wurde nicht angetroffen oder hatte schon zu tief ins Glas geschaut. Was nützt es wenn man den Doc nicht einmal mehr auf seinem Pferd bekommt, um eine mehrstündige Strecke zum Patienten zu bewältigen.
Opa bei der Siesta.
Mutter Schwanger! Aber mit wem von uns... keine Ahnung.
Es war damals auch eine ausgesprochene „Männerwelt“. Ok, das war es überall, die sogenannte Emanzipation kam erst viel später. Doch bei uns war es in erster Linie aus Sicherheitsgründen. Am schlimmsten war immer die Angst vor Überfällen. (Was heißt hier „war“… da hat sich bis heute nicht viel geändert. ) Aber davon ein anderes mal.
Bei uns Zuhause trafen Männer Entscheidungen jeglicher Art. Es wurde mit den Frauen nichts besprochen, sondern befohlen. Selbst die Familienplanung musste vom „Oberguru „ abgesegnet werden. Vorsorglich gab es aber keine Pille, Kondom, Spirale oder sonstiges. Es gab nur die Nachsorge.
Unsere Mutter hatte die seltene Blutgruppe AB oder B Negativ. Selbst Jahre später, als wir schon erwachsen waren, wollte kein Arzt oder Laboranten glauben, dass sie Kinder gebären konnte. Dann auch noch vier und unter den gegebenen Bedingungen!
Das wir auf der Welt sind, haben wir auch zum Teil unseren Opa zu danken. Er behandelte unsere Mutter, zur Anfang jeder Schwangerschaft mit dem Baunscheid Verfahren. Sein Baunscheid Gerät und sein Öl, waren das, was ein normaler Arzt seine Arzttasche nennen würde.
Es kann sein, das der eine oder andere von Euch weiß was das ist. Es wird heute noch in der alternativen Medizin angewendet. Erfunden wurde es von Carl Baunscheid, 1809 – 1872, der durch Zufälligen Mückenstich Erleichterung seines Gichtleidens erfuhr.
Es soll entzündungshemmend sein, gegen Gicht, Rheuma und vieles mehr wirken. Aber vor allem die Durchblutung fördernd und Blut reinigend sein. Seine Wirksamkeit konnte bis heute noch nicht klinisch nachgewiesen werden.
Carl Baunscheid hatte seine eigene Rezeptur für die Zusammensetzung des Öles, hatte es aber nicht niedergeschrieben. Er nahm sein Geheimnis mit in dem Grab. Danach wurde das Krotonöl eingesetzt, was erst seit ein paar Jahrzehnte in Deutschland verboten ist. Es wurde festgestellt, dass das Krotonöl, Krebstumore bildet. Jetzt werden andere Öle, wie z.B. Wacholder öl, benutzt.
Unsere Eltern sind beide an Krebs gestorben. Zufall?
Also das Gerät selbst sieht fast so aus wie ein Mörserstab. Vorne sind 20-30 Stahlnadeln, die an einem gefederten Kopf sind. Damit wird der Patient am Körper, hauptsächlich auf dem Rücken, die Haut eins bis zwei mm eingestochen oder geritzt. Dann kommt das Baunscheidöl darauf gerieben, nach zwei bis drei Tage bilden sich kleine weiße bis gelbliche Pusteln.
Früher sind wir noch nicht mit einem Fotoapparat rumgelaufen und haben alles geknipst. Deshalb habe ich es zur besseren Verständigung, nach meinen Erinnerungen gemalt.
Fieber, Übelkeit und andere Nebenwirkungen können auftreten. Unsere Mutter nannte es die „Rosskur“. Nach ca. einer Woche krank sein, geht es einem wieder besser und der Körper ist auch von innen gereinigt. Das ist Sinn des Zweckes.
Auf diese Art und Weise, wurde unsere Mutter mehrmals von schweren Krankheiten geheilt.
Da meine Großeltern, keine Ahnung von der Heirat des aus Buenos Aires Heimkehrenden Sohn hatten, war natürlich der Teufel los, als er von Unterwegs eine Frau mitbrachte. Meine Eltern kannten sich knapp drei Wochen als sie getraut wurden. So kam es auch, dass die sofortige Schwangerschaft unserer Mutter, eher als eine Sünde angesehen und verurteil wurde. Penibel genau wurde nachgerechnet als unser großer Bruder da war. Genau neun Monate und zehn Tage nach der Hochzeit!
Unser Vater wollte Jungs… er bekam einen Sohn. Er bekam einen zweiten Sohn… er wollte immer noch mehr Jungs… das dritte Kind, meine Schwester… ein Mädchen. Was machte unser Macho-Vater…? Er zog eine Woche lang aus! Er sprach nicht mit unserer Mutter… er schaute das Kind nicht einmal an! Mutter war in ihrem Wochenbett, mit Baby und mit zwei kleinen Jungsens allein gestellt! Na prima! Nach einer Woche kriegte er sich wieder ein und akzeptierte die Realität, bzw. seine Tochter.
Danach sollte doch ein zweites Mädel kommen, denn laut seiner Aussage, würde aus einem Mädchen alleine, nur eine eingebildete dumme Ziege werden!
Dann kam ich… kann ich mich jetzt so zu sagen als „Wunschkind“ bezeichnen? Oder nur als die Rettende Schwester? Wenn Du das liest, Schwesterherz; wir gehören zusammen. Ohne dich hätte Papa mich eine Woche lang nicht angeschaut… und, ohne mich wärst du jetzt eine eingebildete dumme Ziege!!! Ha, ha…
Wie es bei der Geburt meiner Geschwister wohl war, kann ich nicht sagen, ich war ja noch nicht da. Aber ich war die, die unsere Mutter am meisten bei der Geburt quälte. Das hat sie mir später oft erzählt. Ich war eine kleine Steißlage und es gelang „Dr. und Hebamme Opa Dreyer“ nicht, mich zu drehen. Es war doch so dunkel da drinnen… woher sollte ich wissen wo der Ausgang ist! Außerdem wollte ich nicht ein Schütze werden… ich wollte nur Steinbock sein! So kam es, dass ich meine Mutter mit schmerzhaften Wehen eineinhalb Tag versorgte. Total erschöpft und mit letzter Kraft, drehte ich mich doch und Mama sah die Englein tanzen! Dann nix wie raus, denn mir wurde die Luft knapp. In dem Moment, wo sich normalerweise Eltern über den ersten Schrei freuen dürfen, gab ich keinen Laut von mir und lag reglos und blau da. Schnell wurde ich abgenabelt, aber es schien trotzdem zu spät. Das Baby „ich“ atmete und regte sich nicht. Tot… Opa nahm mich, das kleine blaue Bündel, raus vor der Tür. Es war morgens halb acht und noch nicht so warm, er versohlte meinen Arsch und schmiss mich schnell ein paar mal hintereinander in die Luft… und glaubt mir; wenn man als frischgeborenes Baby gleich so einer Folter erlebt, muss man sich ja wehren und schreien! Ich war wieder da! Ich lebte! …und bin bis heute davon überzeugt, dass man mich aus Strafe „Elfriede“ genannt hat!
Danke Opa, dass Du mich gerettet hast!
Bin doch auch ein süßes Baby!
Da konnte ich gerade laufen.
Bis zur nächsten Geschichte und herzliche Grüße!

Sonntag, 15. August 2010

Die Rahmengeschichte

Paraguay heute – kurze Zusammenfassung.
Ein südamerikanisches Binnenland, das von seinen Einwohnern mit Stolz, und nicht nur seiner geographischer Lage wegen, „das Herz Südamerikas“ genannt wird.
Mit einer gesamtfläche von 406.752Km², etwa so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen. Gesamteinwohnerzahl; knapp 6,4 Mio., nicht ganz das Doppelte was allein Berlin an Nasen hat. Davon leben ca. ⅙ in und um der Hauptstadt Asunción. Paraguay ist durch seinem gleichnamigen Fluss, so zu sagen in zwei geteilt; Westparaguay und Ostparaguay. Während im Ostparaguay, 28 Einwohner pro Km² leben, sind es in Westparaguay gerademal 0,3.
Nebst Spanisch, wurde inzwischen die Indianersprache „Guaraní“, auch als offizielle Landessprache deklariert.
Die Vegetation ist in beiden Regionen sehr unterschiedlich. Während im Westen sehr trockenes Steppenklima herrscht, ist es im Osten sehr Fruchtbar, Grün mit hoher Luftfeuchtigkeit.
Temperaturen im Sommer bis 42º, können aber auch auf 45º hochklettern. Im Winter kann es zu Nachtfrost kommen.
Nach Jahrelangem und fast jährlichem Oberhauptwechsel, hatten wir von 1954 bis 1989 den Deutschabstammenden Alfredo Stroessner als Diktaturoberhaupt. Seit nun über 20 Jahre Umgewöhnung auf Demokratie, ist das Land zum heutigen Zeitpunkt, wirtschaftlich gesehen, immer noch ein Außenseiter.
Meine ganz persönliche Meinung und mit einem zwinkernden Auge; Die beste Lösung für Paraguay, wäre eine „Demokratur“.
Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist sehr groß. Kriminalität und Gewalt hat immens zugenommen. Korruption und Bestechlichkeit, macht aus dem gesamten ein sehr marodes Rechtssystem. Ein Grund für größere Investoren, sich lieber in den Nachbarsländer, Brasilien, Chile oder Argentinien nieder zu lassen.
Trotzdem, gehört Paraguay schon seit über 100 Jahren und bis heute noch, zu eines der beliebtesten Ziele für Auswanderer. Besonders aus deutschsprachigen Länder. Für Handwerker, Landwirte, Rentner, sowie Träumer mit rosaroter Brille, die ihre alte Heimat den Rücken kehren möchten, ist Paraguay sehr angesagt. Genau wie zu frühesten Zeiten, schafft es auch heute nicht Jeder. Obwohl die Gründe dafür, sich von den Damaligen sehr unterscheiden.
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Die ersten Kolonien in Paraguay, wurden im Jahre 1900 gegründet. Entlang des Paraná Flusses und nicht weit weg der Südstadt Encarnación. Nur dort haben wir bis heute noch sehr viele Verwandte.
In der kleinen Kolonie Cambyretá ist unsere Mutter, eine geborene Pretzel, als Vierte von acht Geschwistern zur Welt gekommen und groß geworden. Cambyretá ist Guaraní, die Indianersprache und bedeutet „Milchland“; camby = Milch, retá = Land.
Mutters Mutter ist von deutschen Eltern schon in Argentinien geboren. Auch ihr Vater ist von deutschen Eltern, in Brasilien geboren.
Das sind meine Urgroßeltern Ernst und Anna Pretzel, die weiß der Kuckuck wann von Deutschland nach Brasilien gekommen sind.

Unser Großvater, Vater des Vaters, ist nach dem ersten Weltkrieg, erst nach Buenos Aires, später nach Paraguay ausgewandert. Was genau ihn dazu bewogen hat, war wohl in erster Linie die schlechte Nachkriegssituation in Deutschland. Zu dieser Zeit ist auch die kleine Schwester meines Vaters verhungert. Wann genau das war, kann ich mich im Moment nicht festlegen. Unsere Oma ist 1925 mit unserem Vater, als zwölf jähriger Bub, ihrem Mann nachgewandert.
Die Eltern meines Vaters. Hochzeit in München 1912. Herrmann und Margarethe Franziska Dreyer geb. Brehm. Meine Großmutter und mein Vater Ernst August Dreyer. In Buenos Aires

Opa arbeitete in Argentinien, ich glaube als Mayordomo, Oma war sowas wie Haus- und Kindermädchen. Da ihr früheres Leben einen höheren gesellschaftlichen Status hatte, bezeichnete sie ihre argentinische Zeit, mit Vorliebe als „Gouvernante“.
Wann genau meine Großeltern und Vater nach Kolonie Independencia, Paraguay ankamen, weiß ich nicht so genau. Muss ich erst einige Recherchen abwickeln.
Auch hier ist Opa wieder voraus und die Familie kam nach.
Das war das erste Haus unserer Familie in Colonia Independencia.
Inzwischen wurde das „Colonia“ gestrichen und heißt heute nur noch Independencia.
Insgesamt gab und gibt es noch… oh Gott, ich will mich jetzt nicht festlegen, aber es müssen um die 18 – 20 deutschsprachige Kolonien in Paraguay. Die Mennoniten Kolonien in Westparaguay einbezogen.
Aktuell hat Independencia eine Fläche von ca. 250.000 Hektar² und ca. 5000 deutschsprachige Einwohner. Die weit verstreut in der reizvollen Landschaft leben.
Wie entstand die Kolonie Independencia?
Außer ein paar Afrika Deutsche die sich 1919 dort niederließen, waren es ein paar Württemberger die 1920 ursprünglich nach Argentinien wollten. Doch auch damals gab es genug Gauner, die als Agenten, den hoffnungsvollen Auswanderer das letzte zusammengekratzte Geld aus der Tasche zogen und sich anschließend in Luft auflösten.
Ohne Geld in Buenos Aires angekommen, blieb ihnen nur der Weg zur deutschen Botschaft. Dort wurden sie vor der Wahl gestellt; Entweder wieder nach Hause oder aber einen Freifahrtschein nach Paraguay, wo ihnen die Behörden insgesamt 10.000 Hektar Regierungsland für deutsche Aussiedler anbot. (Die Verteilung, wenn ich mich nicht täusche, waren 20 Hektar für jeden erwachsenen Mann.) Sie entschieden sich für das Letztere.
Den Río de la Plata und später Paraguayfluss, von Buenos Aires bis Asunción, die Hauptstadt Paraguays, von dort ging es ca. 200Km mit der Eisenbahn nach Villarrica.
Zu Fuß ging es Östlich weiter und nach 35Km erreichten sie, das ihnen zugewiesene Urwaldgebiet.
Mit dem Ochsenkarren kam das Gepäck nach. Viel hatten sie nicht dabei, nur das aller Nötigste. Hauptsächlich Werkzeug, Kleidung, Bücher und persönliche Dinge die an die alte Heimat erinnerten.
"Colonia Independencia" bedeutet auf Deutsch; Kolonie der Unabhängigkeit, was die freie Entfaltung wirtschaftlicher und kultureller Art mit einschloss, das hatte die paraguayische Regierung versprochen und auch bis zum heutigen Tage gehalten. Von der großen Not in den Anfangsjahren, wo Schlangen und Moskitos die Urwaldsiedler bedrohten und peinigten, wo es wochenlang statt Fleisch oder Brot nur Fette- Henne- Blätter-Spinat (ein Unkraut das dort überall wächst) gab, hörte ich als Kind immer wieder viele Geschichten.
Das Schlimmste seien damals die Ochsen der Carreteros gewesen, die des Nachts, die mühsam angelegten Mais- und Gemüsefelder der Siedler zertrampelten und leer fraßen. Hatten auch keine Möglichkeit einen Zaun zu errichten, so schliefen sie meistens in Schichten und es musste immer Wache gehalten werden.
Es ist schon ein wenig verdreht, denn heute noch lassen viele Hiesige ihre paar Rinder auf der Straße laufen, weil sie nicht die nötigen Weiden besitzen. Die Landwirte müssen ihre Plantagen einzäunen und ständig kontrollieren.
Das ist jetzt die allgemeine Rahmengeschichte meiner zukünftigen Geschichtchen.
Da wir in Independencia geboren und aufgewachsen sind, werden sich meine Erzählungen in diesem Blog, hauptsächlich und besonders am Anfang, dort abspielen.
Eine kleine Bitte habe ich an Euch; ich bin ein sogenannter "Stichwortmensch", schreibt mir einfach ein Stichwort auf und ich werde bestimmt ein passende Geschichte aus der damaligen Zeit erzählen können. Es gibt so viel zu erzählen... (Aber bitte nicht sowas wie MP3 Player, Mikrowelle oder PC... das gab es damals noch nicht.)
Herzliche Grüße!