Warum gibt es diesen Blog?

Darauf gibt es ein paar Antworten: seit Oktober 2008 führe ich meinen Blog „My New Life In Canada“. Nachdem ich da hin und wieder Einträge über mein Leben in Paraguay eingestellt habe, bekam ich viele Mails, Kommentare und Telefonate mit der Bitte, weitere Beiträge über diese Zeit zu schreiben.

Obwohl es genauso mit meinem Leben zu hat, passt es aber nicht unbedingt zwischen die Berichte von meiner neuen und jetzigen Zeit in Kanada.

Dazu kommt, dass aus dieser schicksalhaften Zeit der Einwanderer in Paraguay von Anfang 1900, sehr wenig niedergeschrieben wurde. Die Älteren, die es miterlebt haben, sind leider schon verstorben.

Doch mein wichtigster Beweggrund für diesen Blog ist, das Erlebte von damals an meine Kinder und Enkel weiterzugeben. Sollten sie irgendwann wissen wollen, wie es damals war, müssen sie sich keine Vorwürfe machen, den Zeitpunkt danach zu fragen, verpasst zu haben.

Genau das ist mir passiert. Als ich jung war, interessierte es mich nicht. Ich fand die Geschichten aus der alten Heimat und die des neuen Aufbaus in Südamerika langweilig und nervig.

Ich war Kind und wollte Kind sein. Als ich erwachsen wurde, hatte ich meine eigenen Träume und Verrücktheiten im Kopf. Dann hatte ich mein eigenes Leben und meine eigene Familie.

Später wollte ich es wissen, doch die Großeltern waren längst verstorben, mein Vater auch und meine Mutter war von mir zu weit entfernt.

Bestimmt habe ich im Leben viele Fehler gemacht. Anstatt darüber zu jammern, betrachte ich es als eine Lehre und versuche, es in Zukunft besser zu machen.

Doch würde mir das Schicksal einen einzigen Tag meiner Jugend zurückgeben, würde ich ihn mit meinem Großvater „Opa Dreyer“ verbringen und ihm pausenlos Löcher in den Bauch fragen!

Diesen Blog widme ich meinen Kindern

Sonja A. McGill und Stephen J. Bennett.


„Ein niedergeschriebenes Wort, wird durch seine Veröffentlichung zu einem eigenen Leben erweckt“.

Sonntag, 22. August 2010

Die Namen

Was sich Eltern bei der Namensvergabe wohl gedacht haben...
Am 31. Januar 1945 wurde der Älteste geboren. Unser Großvater, der Buschdoktor liebte Wagners Oper „Tristan und Isolde“, doch Unsere Mutter weigerte sich ihren Sohn Tristan zu nennen.
Tristan und Isolde, eine Szene aus der Oper.
„Manfred“ sollte der erste Sohn getauft werden. Das ging aber nicht, denn Opas Stier hieß Manfred und wieder weigerte sich Mutter, dass der Erstgeborene den Namen des Zuchtbullen trägt.
Auf „Norbert“ wurde sich geeinigt.
Als Mutter wieder schwanger wurde, musste zwangsläufig der Stier geopfert werden! Jetzt nicht so als Ritual oder um die Geister gut zu stimmen, ne… um seinen Namen zu klauen.
Oktober, der 25te im Jahre 1947 kam das zweite Baby an. Als Vater ins Geburtszimmer kam, wurde er von Opa und Mama verarscht und bekam beigebracht, dass er eine Tochter habe. Da riss er die Windeln vom Neugeborenen und war erleichtert, das zu sehen was einen Buben ausmacht. Gott sei Dank! Der Stier ist nicht umsonst in die Wurstpelle gelandet!
Manfred war da!

Ich habe leider keine Baby oder Kleinkinderfotos von alle Geschwister. Hier Meine Großeltern, Eltern und die beiden Jungs. Wie sich das abspielte mit der Geburt von meiner Schwester, habe ich Euch schon erzählt.
Und endlich durfte Richard Wagner als Namenpate in der Dreyers Geschichte eingehen!
Isolde erblickte das Licht des Lebens am 30ten März 1949. Oben ist die Jule (Isolde) es gibt keine Fotoverwechselungen, denn auf alle Fotos bin ich sehr ernst. Jule schaut immer freundlich. Wie hier... kein wunder, sie sitzt auch auf mein Schaukelpferd. Aus „Norbert“ und „Manfred“, wurde mit der Zeit, besonders durch spätere spanische Schulzeiten, „Norberto“ und „Manfredo“. Später wurden ihre Dokumente ausgestellt und heißen bis heute noch so.
„Isolde“ konnte man nicht verspanischen und blieb auch so. Zuhause wurde sie immer „Soldi“ genannt. Seit fast einem halben Leben, ist sie für mich die „Jule“, was sich auch immer mehr durchsetzte. Vielleicht nannte ich sie so, weil ich sie immer um ihren Namen beneidete. Nee, eigentlich nicht.
An dieser Stelle fällt mir ein, dass ich schon einmal nicht nur über meinen Namen, sondern auch über den fehlgeschlagenen Versuch ihn zu ändern, geschrieben habe. Das war in Dezember 2009, auf meinen anderen Blog. Diese Geschichte gehört jetzt eigentlich hier her, drum nehme ich Einiges raus, um es hier neu einzustellen.
Der Post hieß; Zwei mal getauft…
…geht das überhaupt? Oh ja! Bei mir (bzw. unsere Familie) schon!
Ich frag mich; wie kann man/frau ein Kind in die Welt setzten um es dann so einen Namen zu verpassen; „Elfriede“! Na ja, es ist ja nicht der schlechteste Name, nur ich habe ihn gehasst seit ich mich erinnern kann. Ich fand einfach, wir zwei gehören nicht zusammen! Wir passen nicht einander! Angeblich wurde er von unserer Oma-Dreyer ausgesucht. Sie war auch die Einzige, die mich so nannte.
Ich höre sie heute noch rufen… „Elfr-üüüüüü-de“… Grrrrrrrr …
Von klein an wurde ich „Ella“ genannt. Mit Ausnahme von unserem Vater, der nannte mich grundsätzlich nur „Ello“. Er wollte einen Jungen und behandelte mich auch so. Ich machte mit, (ich habe immer getan was man mir sagte, außerdem war ich viel lieber draußen bei den Tieren und der Natur) hatte bei ihm dafür einen Stein im Brett.
Hier zu Lande ist es erst recht blöd. Grundsätzlich wird man mit dem Vornamen angesprochen oder aufgerufen. Das hört sich vielleicht bescheuert an: „El-freit“! Eher wie ein Gericht im Fast Food Restaurant
Ich muss es mir angewöhnen und daran denken, immer wenn ich meinem Namen wo angebe/schreibe (Ela) hinzuzufügen.
Viele fragen mich, warum ich meistens mit „Ela“ unterschreibe. Ganz einfach „Ella“ bedeutet auf Spanisch „sie“ und wird „Elja“ ausgesprochen. Deshalb habe ich ein "l" amputiert.So, jetzt wisst Ihr was ich von meinem Namen halte! Und weil das schon immer so war… erzähl ich Euch jetzt eine kleine Geschichte dazu.
Als wir Kinder waren, hatte unser Vater Zoff mit der Deutschen Schule in Independencia. Scheinbar ziemlich arg, denn er nahm meine drei größeren Geschwister aus der Schule. Ich hatte zu diesem Zeitpunkt das Schulalter noch nicht erreicht. Der große Bruder wurde aufn Gaul gesetzt und musste jeden Tag einige Kilometer zur nächsten Kolonie reiten. Der zweite wurde nach Encarnación zur Tante gebracht und ging dort zur Schule. Meine Schwester war gerade mal sieben oder acht geworden, sie kam zu Bekannten nach Asunción und ging dort in der Katholischen Nonnenschule.
Ich war damals vier Jahre und hatte plötzlich keine Geschwister mehr!Ein Jahr später. Auf einem anderem Grundstück das uns gehörte, lebte ein älterer deutscher alter Junggeselle, Eigenbrötler, Künstler und Lebenskünstler. Der Hans Stecher. (ich habe heute noch ein Gemälde von ihm.)
Bei uns wurde immer pünktlich zu Mittag gegessen. Herr Stecher erschien auch jeden Tag pünktlich um kurz vor zwölf mit irgendeiner Ausrede und blieb bis das Essen auf dem Tisch stand. Wohl oder übel wurde er gefragt, ob er mitessen wolle. So dachten sich meine Eltern; wenn er eh schon hier isst, kann er der Ella auch das Abc und 1x1 beibringen.
Na toll! Ich zog das große Los!
Von nun an kam er weiterhin jeden Tag, nur brauchte er keine Ausreden mehr und bekam zusätzlich zum Mittagessen auch noch Frühstück und Taschengeld! Ich weis noch, einmal bekam ich Ärger und eine gescheuert, weil ich ihm verpetzt hatte. Er meckerte über den Cocido (Tee) und schüttete ihn aus dem Fenster weil‘s kein Kaffee gab.Ich kann mich an Vieles erinnern, aber bestimmt nicht daran, dass er mir was beigebracht hat.Ein weiteres Jahr darauf, bemerkten die Eltern wohl meine Einsamkeit und holten die Veronika, ein Kind von Bekannten aus Encarnación, zu uns. Ich weis, es macht keinen Sinn, aber damals machte so sehr Vieles keinen Sinn bei uns. Das Thema Veronika, (sie war vier Jahre älter als ich) werde ich hier nicht weiter beschreiben. Das ist eine total andere Geschichte. Nur so viel, sie konnte weder lesen noch schreiben und durfte Stecher’s Unterricht mit mir teilen, aber sie hat mir mehr beigebracht als der Alte Knurrsack. Ich habe immernoch ein Stecher Gemälde als Andenken. Er hatte damals keine Leinwände, deshalb malte er auf Sperrholz. Seine Motive waren immer das Landleben der Paraguayer und vergaß nie die Aasgeier am Himmel.Nach zwei weiteren Jahren war ich gerade acht. Muttern ist mit uns vier Kinder (alle wieder Nachhausgepfiffen…) nach Villarrica gezogen.
Unser Vater blieb aufs Land und kam nur am Wochenende zu uns.Ich war die Einzige, die noch kein Spanisch konnte… und auch sonst nichts konnte… doch das war den Eltern gar nicht so klar gewesen. Schließlich hatte ich doch zwei oder drei Jahre Unterricht beim Hauslehrer den Herrn Stecher.
Altersgerecht gehörte ich in die 3. Klasse und so wurde ich in der katholischen Nonnenschule eingeschrieben. Niemand sprach Deutsch (oder das Kauderwelsch das wir Deutsch nannten). Doch das war alles nur halb so schlimm. Das schlimmste war ja keinen Christlichen Namen zu haben! Und nicht getauft! Evangelisch getauft zählte nicht! Wir wurden so beschwätzt, das unsere Eltern ja zur einer „richtigen Taufe“ sagten. Das einzige was ich daraus verstehen konnte und einen riesen Lichtblick an meinen bescheidenen Horizont war; ein neuer Name! Nie wieder Elfriede! Endlich würde man mit mir spielen, weil man meinen Namen aussprechen kann. Oh mein Gott war ich aufgeregt über diese Taufe! Das aller, aller, Schönste, ich durfte mir selbst einen Namen aussuchen. Jippiii, Jippiii…! Meine Eltern nahmen das alles gar nicht so ernst. Haben alles so schön mitgemacht, denn es sollte ja nur ein zusätzlicher 2. Vorname sein. Hätte ich damals schon den Spruch gekannt; „endlich gehöre ich nicht mehr zur Unterschicht“ dann wäre das mein wichtigster Satz gewesen.
Na gut, zu der zeit und die Hälfte meiner Schulkameradinnen, hatten einen Namen der mit „María“ anfing. María Mercedes, María Estela, María Graciela… ich fand das so schick und so war mein Wunschname „Maria Cristina“. Ach… ich schwebte auf Wolken… und er klang so christlich!Dann wurde ich getauft und gleich danach kam meine erste Kommunion.
Die Bescheinigung habe ich noch, María Cristina wurde mein Hauptname. Aus „Elfriede“ wurde „Wilfride“ gemacht und fünf Jahre lang, während ich auf dieser Schule ging, nie wieder erwähnt! Ich war nur María Cristina und niemand ahnte, dass ich noch einen dritten Name hatte. Elfriede oder Wilfride erschienen auf keinem Zeugnis oder sonstiges Schuldokument. Mit dreizehn kam ich auf einer neuen Schule. Mein Vater ging hin und wollte mich einschreiben. ordnungsgemäß nahm er meine Geburtsurkunde und meine Grundschulabschlusszeugnisse mit.
Man fragte meinem Vater, welche der beiden Mädels er wohl anmelden wolle. Auf die Geburtsurkunde stand Elfriede Dreyer und auf den Zeugnis María Cristina Dreyer! Meine Güte war mein Vater sauer als er heimkam. Er musste bis zum Kultusministerium um das ganze in Ordnung zu bringen. Nur es war bestimmt nicht so schlimm, wie für mich wieder die Elfriede zu sein. Da fingen wohl meine ersten Depressionen an. Zumal ein halbes Duzend meiner alten Schulkameradinnen mit zur gleichen Schule gewechselt sind! Ich weis bis heute immer noch nicht, welche Taufe gilt denn nun. 2 x Taufen geht doch nicht. Demnach bin ich Evangelisch. Doch überall steht Katholisch… ist es verwunderlich, dass ich meinen eigenen Glaube habe? Was spielt es noch für eine Rolle? Mein Vater pflegte zu sagen; „Die Religion ist unwichtig, allein der Glaube zählt!“ Hier nochmal ein Foto von uns vier Geschwistern und Mutter. Alle schon mit einen Namen!

Liebe Grüße!

Kommentare:

  1. „Die Religion ist unwichtig, allein der Glaube zählt!“
    So sehe ich es auch.
    Liebe Grüße Ella Maria Christina ;)

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  2. Mei, das ist ja ein Durcheinander gewesen. Und ja, die Namensgebung war schon immer ein oftmals strittiges Thema der Eltern. Meistens wollten die Väter einen Bezug zur eigenen Familie haben, da waren Hans, Franz, Fritz, Elfriede, Brunhilde und Martha schon sehr gefragt.
    Heute hingegen werden diese Kuschelnamen bevorzugt, doch die passen häufig auch nicht besser zu den jeweiligen Menschen. Wie man es auch macht, es kann nur falsch sein, gibt immer bessere Alternativen.
    Doch was soll's, immerhin biste 2x durch das Taufbecken geschwommen, das hat auch nicht jeder gehabt...

    Sei lieb gegrüßt
    Kvelli

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  3. Sehr interessant!
    Danke fürs Teilhaben-Lassen!

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  4. Ach liebe Ela,
    war das eine schöne Zeit...unsere Kindheit war sehr schön aber auch sehr schwer. Diese Zeit hat uns Geschwister für´s ganze Leben geprägt...und das ist auch gut so!
    Ich würde diese Zeit nicht missen wollen.
    Ach und übrigens ich kann mich gut erinnern an deine Elfriede-Probleme, zum Glück war mir immer egal wie ich heisse und ich war immer die einzige Isolde die es gab, hab mich damit zufrieden gegeben.
    Als ich diesen Breitag las fühlte ich mich wieder wie die Soldi von einst!
    Danke dafür
    Isolde

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  5. Lieb Ela,
    wie immer habe ich Deinen Bericht mit großem Interesse gelesen. Relegion - Namensgebung. Die ewigen strittigen Themen in einer Familie.
    Ich freue mich schon auf eine Fortsetzung.
    Liebe Grüße und eine liebevolle Umarmung
    Irmi

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  6. Liebe Ela, von meinem großvater wurde mir folgender ausspruch überliefert: glaubet an Gott, nicht alles den pfaffen ... genauere beschreibung meines glaubens findest Du an meinem blog - anfang ... läuft aber auf das gleiche hinaus ... vieles aus Deinen geschichten erinnert mich an meine kindheit, auch wenn die in Wien stattgefunden hat ... großteils in einem garten und allem, was dazugehört (enten, hühner, hasen ... obst und eingekochtes ... improvisiertes überall) ... die nachkriegszeit war für meine eltern schwer, aber Mama war äusserst kreativ und konnte alles: kleintierhaltung, haareschneiden, kleider und mäntel nähen, ausmalen, tapezieren, klavierspielen, guitarre ... sie hat sich den neid der ganzen weiblichen familie ehrlich erworben ... die anderen frauen waren nicht so tüchtig und entsprechend "entzückt" über die "konkurrenz" ... lol und lg kri

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  7. Bei euch war ja wirklich immer was los...Aber Ela gefällt mir auch besser. Der Spruch von deinem Papa ist auch für die heutige Zeit noch gut. LG Inge

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  8. liebe Grüße von Jasmin, so schön ist es hier zu sein, die schönen alten Fotos, was uns manchmal nur außer den Erinnerungen geblieben ist,die Fotos sind so wichtig und oft sehe ich mir meine alten Fotos sehr, sehr lange an, um auch die kleinsten Dinge zu erblicken und zu erkennen,ich bin neu hier bei dir und habe noch nicht alles bis zum Ende gesehen, will mir wirklich Zeit dazu nehmen, und nicht nur oberflächlich darüber sehen,
    dieses erst mal auf die Schnelle,herzlichst alles Liebe und Schöne von Jasmin...

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  9. Oh Ela, ich werde an Deinem Blog hier genau soviel Freude haben, wie an dem anderen! Bin ja ganz egoistisch: finde es toll, das Du nach dem ganzen hin und her hier in Canada gelandet bist!
    Dicken Knuddler! Susi

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  10. Liebe Ela,

    wie ich in Deinem Blog gelandet bin, kann ich gar nicht mehr recht sagen - aber ich lese mich gerade ein in Deine Geshichte(n) und finde alles sehr, sehr interessant! Welch schöne Idee, das eigene Leben und das der Familie festzuhalten für die nachfolgenden Generationen, denn auch bei mir ist es leider so, dass ich viel zu wenig weiß und kaum mehr jemanden fragen kann.

    Du schreibst sehr interessant und erfrischend und es macht mir großen Spaß hier zu lesen. Herzlich geschmunzelt habe ich nun bei der Namens-Geschichte - die Benennung nach dem Zuchtbullen ist ganz großes Kino! ;)

    Ich freue mich auf das weitere Lesen und grüße Dich herzlich!
    Britta

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