Warum gibt es diesen Blog?

Darauf gibt es ein paar Antworten: seit Oktober 2008 führe ich meinen Blog „My New Life In Canada“. Nachdem ich da hin und wieder Einträge über mein Leben in Paraguay eingestellt habe, bekam ich viele Mails, Kommentare und Telefonate mit der Bitte, weitere Beiträge über diese Zeit zu schreiben.

Obwohl es genauso mit meinem Leben zu hat, passt es aber nicht unbedingt zwischen die Berichte von meiner neuen und jetzigen Zeit in Kanada.

Dazu kommt, dass aus dieser schicksalhaften Zeit der Einwanderer in Paraguay von Anfang 1900, sehr wenig niedergeschrieben wurde. Die Älteren, die es miterlebt haben, sind leider schon verstorben.

Doch mein wichtigster Beweggrund für diesen Blog ist, das Erlebte von damals an meine Kinder und Enkel weiterzugeben. Sollten sie irgendwann wissen wollen, wie es damals war, müssen sie sich keine Vorwürfe machen, den Zeitpunkt danach zu fragen, verpasst zu haben.

Genau das ist mir passiert. Als ich jung war, interessierte es mich nicht. Ich fand die Geschichten aus der alten Heimat und die des neuen Aufbaus in Südamerika langweilig und nervig.

Ich war Kind und wollte Kind sein. Als ich erwachsen wurde, hatte ich meine eigenen Träume und Verrücktheiten im Kopf. Dann hatte ich mein eigenes Leben und meine eigene Familie.

Später wollte ich es wissen, doch die Großeltern waren längst verstorben, mein Vater auch und meine Mutter war von mir zu weit entfernt.

Bestimmt habe ich im Leben viele Fehler gemacht. Anstatt darüber zu jammern, betrachte ich es als eine Lehre und versuche, es in Zukunft besser zu machen.

Doch würde mir das Schicksal einen einzigen Tag meiner Jugend zurückgeben, würde ich ihn mit meinem Großvater „Opa Dreyer“ verbringen und ihm pausenlos Löcher in den Bauch fragen!

Diesen Blog widme ich meinen Kindern

Sonja A. McGill und Stephen J. Bennett.


„Ein niedergeschriebenes Wort, wird durch seine Veröffentlichung zu einem eigenen Leben erweckt“.

Sonntag, 15. August 2010

Die Rahmengeschichte

Paraguay heute – kurze Zusammenfassung.
Ein südamerikanisches Binnenland, das von seinen Einwohnern mit Stolz, und nicht nur seiner geographischer Lage wegen, „das Herz Südamerikas“ genannt wird.
Mit einer gesamtfläche von 406.752Km², etwa so groß wie Deutschland und die Schweiz zusammen. Gesamteinwohnerzahl; knapp 6,4 Mio., nicht ganz das Doppelte was allein Berlin an Nasen hat. Davon leben ca. ⅙ in und um der Hauptstadt Asunción. Paraguay ist durch seinem gleichnamigen Fluss, so zu sagen in zwei geteilt; Westparaguay und Ostparaguay. Während im Ostparaguay, 28 Einwohner pro Km² leben, sind es in Westparaguay gerademal 0,3.
Nebst Spanisch, wurde inzwischen die Indianersprache „Guaraní“, auch als offizielle Landessprache deklariert.
Die Vegetation ist in beiden Regionen sehr unterschiedlich. Während im Westen sehr trockenes Steppenklima herrscht, ist es im Osten sehr Fruchtbar, Grün mit hoher Luftfeuchtigkeit.
Temperaturen im Sommer bis 42º, können aber auch auf 45º hochklettern. Im Winter kann es zu Nachtfrost kommen.
Nach Jahrelangem und fast jährlichem Oberhauptwechsel, hatten wir von 1954 bis 1989 den Deutschabstammenden Alfredo Stroessner als Diktaturoberhaupt. Seit nun über 20 Jahre Umgewöhnung auf Demokratie, ist das Land zum heutigen Zeitpunkt, wirtschaftlich gesehen, immer noch ein Außenseiter.
Meine ganz persönliche Meinung und mit einem zwinkernden Auge; Die beste Lösung für Paraguay, wäre eine „Demokratur“.
Der Kontrast zwischen Arm und Reich ist sehr groß. Kriminalität und Gewalt hat immens zugenommen. Korruption und Bestechlichkeit, macht aus dem gesamten ein sehr marodes Rechtssystem. Ein Grund für größere Investoren, sich lieber in den Nachbarsländer, Brasilien, Chile oder Argentinien nieder zu lassen.
Trotzdem, gehört Paraguay schon seit über 100 Jahren und bis heute noch, zu eines der beliebtesten Ziele für Auswanderer. Besonders aus deutschsprachigen Länder. Für Handwerker, Landwirte, Rentner, sowie Träumer mit rosaroter Brille, die ihre alte Heimat den Rücken kehren möchten, ist Paraguay sehr angesagt. Genau wie zu frühesten Zeiten, schafft es auch heute nicht Jeder. Obwohl die Gründe dafür, sich von den Damaligen sehr unterscheiden.
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Die ersten Kolonien in Paraguay, wurden im Jahre 1900 gegründet. Entlang des Paraná Flusses und nicht weit weg der Südstadt Encarnación. Nur dort haben wir bis heute noch sehr viele Verwandte.
In der kleinen Kolonie Cambyretá ist unsere Mutter, eine geborene Pretzel, als Vierte von acht Geschwistern zur Welt gekommen und groß geworden. Cambyretá ist Guaraní, die Indianersprache und bedeutet „Milchland“; camby = Milch, retá = Land.
Mutters Mutter ist von deutschen Eltern schon in Argentinien geboren. Auch ihr Vater ist von deutschen Eltern, in Brasilien geboren.
Das sind meine Urgroßeltern Ernst und Anna Pretzel, die weiß der Kuckuck wann von Deutschland nach Brasilien gekommen sind.

Unser Großvater, Vater des Vaters, ist nach dem ersten Weltkrieg, erst nach Buenos Aires, später nach Paraguay ausgewandert. Was genau ihn dazu bewogen hat, war wohl in erster Linie die schlechte Nachkriegssituation in Deutschland. Zu dieser Zeit ist auch die kleine Schwester meines Vaters verhungert. Wann genau das war, kann ich mich im Moment nicht festlegen. Unsere Oma ist 1925 mit unserem Vater, als zwölf jähriger Bub, ihrem Mann nachgewandert.
Die Eltern meines Vaters. Hochzeit in München 1912. Herrmann und Margarethe Franziska Dreyer geb. Brehm. Meine Großmutter und mein Vater Ernst August Dreyer. In Buenos Aires

Opa arbeitete in Argentinien, ich glaube als Mayordomo, Oma war sowas wie Haus- und Kindermädchen. Da ihr früheres Leben einen höheren gesellschaftlichen Status hatte, bezeichnete sie ihre argentinische Zeit, mit Vorliebe als „Gouvernante“.
Wann genau meine Großeltern und Vater nach Kolonie Independencia, Paraguay ankamen, weiß ich nicht so genau. Muss ich erst einige Recherchen abwickeln.
Auch hier ist Opa wieder voraus und die Familie kam nach.
Das war das erste Haus unserer Familie in Colonia Independencia.
Inzwischen wurde das „Colonia“ gestrichen und heißt heute nur noch Independencia.
Insgesamt gab und gibt es noch… oh Gott, ich will mich jetzt nicht festlegen, aber es müssen um die 18 – 20 deutschsprachige Kolonien in Paraguay. Die Mennoniten Kolonien in Westparaguay einbezogen.
Aktuell hat Independencia eine Fläche von ca. 250.000 Hektar² und ca. 5000 deutschsprachige Einwohner. Die weit verstreut in der reizvollen Landschaft leben.
Wie entstand die Kolonie Independencia?
Außer ein paar Afrika Deutsche die sich 1919 dort niederließen, waren es ein paar Württemberger die 1920 ursprünglich nach Argentinien wollten. Doch auch damals gab es genug Gauner, die als Agenten, den hoffnungsvollen Auswanderer das letzte zusammengekratzte Geld aus der Tasche zogen und sich anschließend in Luft auflösten.
Ohne Geld in Buenos Aires angekommen, blieb ihnen nur der Weg zur deutschen Botschaft. Dort wurden sie vor der Wahl gestellt; Entweder wieder nach Hause oder aber einen Freifahrtschein nach Paraguay, wo ihnen die Behörden insgesamt 10.000 Hektar Regierungsland für deutsche Aussiedler anbot. (Die Verteilung, wenn ich mich nicht täusche, waren 20 Hektar für jeden erwachsenen Mann.) Sie entschieden sich für das Letztere.
Den Río de la Plata und später Paraguayfluss, von Buenos Aires bis Asunción, die Hauptstadt Paraguays, von dort ging es ca. 200Km mit der Eisenbahn nach Villarrica.
Zu Fuß ging es Östlich weiter und nach 35Km erreichten sie, das ihnen zugewiesene Urwaldgebiet.
Mit dem Ochsenkarren kam das Gepäck nach. Viel hatten sie nicht dabei, nur das aller Nötigste. Hauptsächlich Werkzeug, Kleidung, Bücher und persönliche Dinge die an die alte Heimat erinnerten.
"Colonia Independencia" bedeutet auf Deutsch; Kolonie der Unabhängigkeit, was die freie Entfaltung wirtschaftlicher und kultureller Art mit einschloss, das hatte die paraguayische Regierung versprochen und auch bis zum heutigen Tage gehalten. Von der großen Not in den Anfangsjahren, wo Schlangen und Moskitos die Urwaldsiedler bedrohten und peinigten, wo es wochenlang statt Fleisch oder Brot nur Fette- Henne- Blätter-Spinat (ein Unkraut das dort überall wächst) gab, hörte ich als Kind immer wieder viele Geschichten.
Das Schlimmste seien damals die Ochsen der Carreteros gewesen, die des Nachts, die mühsam angelegten Mais- und Gemüsefelder der Siedler zertrampelten und leer fraßen. Hatten auch keine Möglichkeit einen Zaun zu errichten, so schliefen sie meistens in Schichten und es musste immer Wache gehalten werden.
Es ist schon ein wenig verdreht, denn heute noch lassen viele Hiesige ihre paar Rinder auf der Straße laufen, weil sie nicht die nötigen Weiden besitzen. Die Landwirte müssen ihre Plantagen einzäunen und ständig kontrollieren.
Das ist jetzt die allgemeine Rahmengeschichte meiner zukünftigen Geschichtchen.
Da wir in Independencia geboren und aufgewachsen sind, werden sich meine Erzählungen in diesem Blog, hauptsächlich und besonders am Anfang, dort abspielen.
Eine kleine Bitte habe ich an Euch; ich bin ein sogenannter "Stichwortmensch", schreibt mir einfach ein Stichwort auf und ich werde bestimmt ein passende Geschichte aus der damaligen Zeit erzählen können. Es gibt so viel zu erzählen... (Aber bitte nicht sowas wie MP3 Player, Mikrowelle oder PC... das gab es damals noch nicht.)
Herzliche Grüße!

Kommentare:

  1. Das finde ich eine sehr schöne Idee. Es ist ja auch ein interessantes Land, das in Euroßa irgendwie so gar nicht bekannt ist. Umso besser solche Informationen aus 1.Hand zu erfahren...

    Sei lieb gegrüßt
    Kvelli

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  2. Interessantes blog Ela....Gut gemächt.

    grüsse, Joop

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  3. Meine liebe Ela,

    also ich bin echt überwältigt.
    Das ist so wunderschön, es geht mir unter die Haut.
    Eine höchst interessante Geschichte.
    Ich bin sehr beeindruckt meine Liebe Ela.
    Diese Widmung nehmen Deine Kinder sicher gerne an.
    ich würd mich enorm drüber freuen.
    Es ist ein wunderbares und sehr Persönliches Geschenk.
    Freunde von mir waren vor Jahren dort als Entwicklungshelfer tätig.
    Mir ging's irgendwie unter die Haut als ich las :
    links, das kleine Haus vor dem Berg, das war unser zuhause.
    Ich schau gerne auch hier des öfteren vorbei.
    Einen gemütlichen Sonntagabend wünsch ich Dir,
    Moni

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  4. Ich liebe solche Geschichten, die das Leben schrieb. LG Inge

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  5. Liebe Ela,
    ich bin überrascht, wie schön Du schreiben kannst. Voller Spannung und Interesse habe ich Deinen Bericht gelesen. Er liest sich wie ein Roman, dabei ist das Dein Leben.
    Ein wirklich wunderbares Geschenk an Deine Kinder, die sich bestimmt sehr darüber freuen werden.
    Ganz herzliche Grüßße
    Ingeburg

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  6. Bravo liebe Ela,
    ich bin ja so froh dass einer von uns Geschwistern sich die Arbeit macht unsere Lebensgeschichte aufzuschreiben. Und damit sichergestellt wird das die Wurzeln von unseren Kinder und Kindeskinder nicht verloren gehen.
    Es nützt ja nich viel wenn einer von uns die Unterlagen und Erinnerungen aus dieser Zeit aufbewahrt. Da vertrocknen die Wurzeln in einer Schachtel! Mach weiter so...mit meiner Unterstüzung kannste rechnen.
    Liebe Grüße
    Isolde

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  7. Hallo liebe Ela,
    mir geht es wie Mona. Eine ganz und gar fantastische Idee, für Deine beiden Kinder dieses Blog einzurichten. Auch ich liebe diese alten Geschichten, für die man als Kind "keinen Geist" hatte und über die man sich heute ärgert, sie nicht mehr ganz zusammen zu bringen. Du hast Recht, man hat es verpasst, frühzeitig nachzufragen. Leider. Nun müssen wir mühselig recherchieren. Werde dieses blog von Dir bestimmt mit großem Interesse verfolgen liebe Ela. Du hast ein wirklich bewegtes und sehr interessantes Leben bis jetzt geführt.
    Viele liebe Grüße
    Birgit

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  8. Ach, ist das spannend! Und eine schöne Widmung an Deine Kinder und Kindeskinder! Die Menschen müssen damals ja mutig und vor allem kerngesund gewesen sein. Sonst traut man sich so etwas kaum zu.
    Da hast Du als Kind ja auch ein paradiesisches Leben kennengelernt. Dieses Haus in den Bergen -was für eine Landschaft!


    Mein Urgroßvater, der aus Südfrankreich stammte, wanderte auch zweimal nach Amerika aus.

    Schade finde ich auch, daß man als Kind und Jugendliche nach dem Motto "hier rein, da raus" die ewig gleichen Geschichten der Erwachsenen bestenfalls übers ich ergehen läßt. So habe ich auch einiges verpaßt und wünschte mir manchmal, meine Großmutter lebte noch, um sie fragen zu können. Zum Glück lebt meine Mutter noch und ich habe mir, seit sie so krank wurde, Aufzeichnungen von ihren Erzählungen gemacht, damit ich wenigstens das behalten kann. Man vergißt sonst auch vieles.

    Liebe Grüße über den Teich
    Sara

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  9. liebe Ela, diese idee ist einfach großartig ... wenn Du genug beisammen hast, könntest Du das als buch herausgeben ... lg kri

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  10. Hey Mom wollte dir zu deinem neuen Blog gratulieren und dir dafür danken das du uns Kindern diesen Blog gewidmet hast. Ich lese gerne die Dinge die damals in Paraguay gewesen sind den für mich bedeuten sie auch Erinnerungen und neue Eindrücke die ich so noch nicht kannte. Bin stolz auf dich

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  11. Mensch, das ist so toll, früher in Paraguay, jetzt in Kanada, du kommst rum! Deinen Kanadablog habe ich auch schon mit großer Interesse gelesen. Wirklich Interessant, die Lebensweise, vor allem als Kind in einem anderen Land!

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